82 oft vergeſſene Vater im Himmel. Indem die Schlafloſigkeit
mit der Ermüdung in Heinrich rang, malte ihm ſeine Phan⸗
taſie allerlei Bilder vor das Auge. Das große, an der
Saaldecke angemalte Kreuz ſchien ſich plötzlich zu bewegen
und ſich herabzuſenken. Hoch aufgerichtet ſtand es jetzt vor
Heinrich da und an ihm feſtgenagelt hing der Heiland mit
zerfleiſchtem Rücken und durchbohrten Händen und Füßen,
mit aufgeſchlitzter Seite. Und neben dem Kreuze jammerte
die Gottesmutter Maria um den gemarterten Sohn, ihren
Herzensliebling, und ſtumm, ſchmerzvergehend ſtand ihr ge⸗
genüber des Heiland's Lieblingsjünger, Johannes. Der eigenen Schmerzen vergeſſend, ſprachen des Gekreuzigten
bleiche Lippen mit liebendem Ausdruckzur Maria:„Mutter,
ſiehe da dein Sohn!“ und zum Jünger:„Siehe, deine Mut⸗ ter!“ Ach, Heinrich hatte ja auch noch daheim eine Mutter,
die den Sohn mehr liebte als ihr eigenes Leben! O, wenn
dieſe liebende Mutter jetzt mit angeſehen hätte, wo und in
welcher Geſellſchaft ihr Sohn ſich befand! Wie der Heiland
war er zwiſchen Mördern, Räubern und den abſcheulichſten
Uebelthätern und dieſe waren zwar gefeſſelt, doch nicht des
ganzen freien Gebrauchs ihrer Glieder beraubt, mit denen
ſie ſelbſt im Bagno noch neue Schandthaten vollbringen konnten! Bei dem Gedanken an die weit von ihm entfernte,
vielleicht in demſelben Augenblick um ihn weinende Mutter näßte ſich, ſeit langer Zeit, Heinrich's Auge unter heißen Thränen. Begierig trank ſein trockner Mund die lauen Trop⸗
fen auf und er hatte Mühe, ein lautes Schluchzen zu unter⸗
drücken. Es war ſpät, oder vielmehr ſchon früh, als ſich ſeine müden Augenlider zum Schlafe ſchloſſen.


