72 Die Erfindungen der neueren Zeit haben die Galeeren außer Gebrauch geſetzt und die Bagno's an deren Stelle treten laſſen.
Mit welchen Empfindungen Heinrich von Wedell die hohen Schranken des Bagno von Cherbourg betrat! Unter der erdrückenden Laſt ſeiner Gefühle vermochte er kaum noch zu athmen, zu denken, die Füße fortzubewegen. Unter ſchauer⸗ lichem Kettengeklirr hielt die lange Bande der Sträflinge ihren Einzug in den weiten, von hohen und niedern Gebäu⸗ den angefüllten Hofraum. Während Riquet dem Hafencom⸗ mandanten ſeinen Bericht abſtattete und die ihm anvertraut geweſenen Gefangenen übergab, ſtanden dieſe in einer Reihe neben einander vor dem Commandantenhauſe aufgeſtellt. Schweigſam und unbeweglich verharrten ſie hier, ſcharf be⸗ wacht von ihren bisherigen Begleitern, die ſie zum letzten⸗ male ſahen. Dagegen erblickte das verſtörte, finſter umher⸗ irrende Auge viele zuſammengekettete Männerpaare mit wet⸗ tergebräunten Geſichtern, in weißen oder grauen Beinkleidern, rothen Jacken und grünen oder rothen Mützen auf dem Haupte, welche ſchwer beladen dahin ſchritten.
Nachdem die Gefangenen geraume Zeit gehabt hatten, ihren neuen Wohnort in Augenſchein zu nehmen, ſo erſchien in Begleitung Riquet's ein Hafenbeamter, welcher im Auf⸗ trage des Commandanten die angekommenen Sträflinge überzählte und übernahm. Riquet nebſt ſeinen Leuten ent⸗ fernte ſich und andere Wächter traten an deren Stelle.
Ueber den Leutnannt von Wedell war weder jemals ein Gericht abgehalten, noch ihm ein Strafurtheil eröffnet wor⸗ den. Alles was ihm widerfuhr, geſchah lediglich auf Napo⸗ leon's eigenmächtigen Willen.


