Teil eines Werkes 
1. Band (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 104—

„Wer iſt denn der Glückiche Ihrer Wahl?“ fragte Horſa ſchmerzerfüllt.

„Er iſt der Sohn Ihres jetzigen Wirthes, meines Onkels—“ verſetzte Malchen—„Eduard Henneberg. Jene Kleinen im Haidekraut dort find ſeine Stiefgeſchwi⸗ Wie wär's, wenn Sie an ihnen Ihren Lehrerberuf ver⸗ ſuchten? Das würde Sie nicht allein zerſtreuen, ſondern auch heilen.“

Aber es erging dem vormaligen Fürſten, wie allen

denen, welche dann erſt eine Sache recht lieb gewinnen, wenn ſie in Gefahr ſtehen, dieſelbe zu verlieren. Hatte er bisher in ſeiner Zurückgezogenheit Amalie reizend ge⸗ funden und ihre Geſellſchaft jeder anderen vorgezogen, ſo ward ſie ihm jetzt zur Huldgöttin, die er mit liebenden Blicken verfolgte und beobachtete. Der Ton ihrer Stimme war ihm Muſik, ihr Lachen ſeine Wonne, ihr Auge ſein Spiegel, ihre Geſtalt der Gegenſtand ſeiner unaufhör⸗ lichen Bewunderung. Um ſich Amalien gefällig und ih⸗ rer würdig zu bezeigen, unterzog er ſich dem Unterrichte der jüngeren Kinder ſeines Wirthes, des Oberförſters Henneberg, in deſſen Hauſe er durch Schmiedels Ver⸗ mittelung Schutz und die liebevollſte Behandlung gefun⸗ den hatte. Aber es wollte mit dem Unterrichten nicht gut von Statten gehen. Der angehende Lehrer ſaß ent⸗ weder in tiefen Gedanken oder er ſprang vom Stuhle auf, ſo wie er im Hofe oder Garten Amaliens Stimme vernahm, und dann konnten die Schüler machen, was ihnen beliebte. Horſa mußte ſich's ſelbſt bekennen, daß jene wenig oder nichts bei ihm lernten, daß das Lehren nicht ſo leicht ſei, als er gemeint hatte, und daß er ei⸗ gentlich ſein Brod hier im Hauſe mit Sünden eſſe.

—

—