abziehen könne. Da Horſa ſeine erdichtete Geſchichte gegen ſeinen gaſtfreundlichen Wirth wiederholt hatte, ſo ſah er ſich genöthigt, um jener gemäß zu handeln, einen Brief an ſeinen angeblichen Vater, den Förſter Olbernau in Surgard, zu ſchreiben und auf dem nächſten Poſtamte abgeben zu laſſen. So bedingt eine Lüge, ſelbſt die Nothlüge, immer wieder eine neue und darum ſchon iſt es äußerſt bedenklich, ſelbſt nur die letztere zu ſagen. Horſa hatte mit Stephan eine gemeinſchaftliche Schlaf⸗ kammer angewieſen bekommen, eine Sache, die dem vor⸗ maligen Fürſten weder bei dem Hoſftheaterfriſeur noch auf der Feſtung zugemuthet worden war. Allein die Noth lehrt wohl ſchlimmere Dinge noch ertragen. Ueberdies beſtand Horſa's Lager aus weichen, wärmenden Betten mit einem reinlichen, neuwaſchenen Ueberzuge, anſtatt aus getrockneten Blättern oder dumpfigem Mooſe. Obſchon man hätte annehmen können, daß Horſa in letztrer Zeit mehr als zuviel auf den empfangenen Schlaftrunk ge⸗ ſchlafen habe, ſo ſchien doch die Märzſonne bereits auf ſein Lager, als er am erſten Morgen erwachte, ein Blick auf das Bette ſeines Schlafgenoſſen berichtete Horſa, daß jener bereits die Federn verlaſſen habe. In der Wohn⸗ ſtube angekommen, fand er dort nur die Hausfrau, welche, den Gaſt erwartend, indeß mit Nähen ſich beſchäftigte. Von ihr erfuhr Horſa, daß Vater Schmidt und Stephan ſeit zwei Stunden ſchon beim Kohlenbrennen ſeien und daß Anna eben ſo lange mit dem Viehe und der Haus⸗ wirthſchaft ſich abmühe. In dieſem Berichte lag für den jungen Fürſten eine kleine Beſchämung, die ſich in einer
leichten Röthe über ſein bleiches, ſieches Antlitz ver⸗ breitete.
Nieritz, Fürſtenſchule. II. 2


