Druckschrift 
Bruderliebe : eine geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert : für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

——

iſt er enthalten. Reiche es mir her, daß ich mich an ſeinem Anblick ſtärke.“

Coittier ging und kehrte nach längerem Verweilen mit einem kleinen Käſtchen in ſeiner Hand zurück, welches er aus einem ganzen Haufen ähnlichen Krams hervorgeſucht hatte.

„Ha! was iſt das!“ rief Ludwig zornig, indem er ei⸗ nen ſchnellen Blick in das geöffnete Käſtchen warf.„Das iſt nicht des heiligen Apoſtels Zahn Das ſind— das ſind“—

„Nun, es ſind auch Reliquien von Märtyrern“— ent⸗ gegnete Coittier, noch immer ſpottend—„und zwar von den allerſchuldloſeſten Märtyrern. Ihr thätet ſehr wohl, dieſe kleinen Kinderzähne immer zu Euch zu ſtecken, damit Ihr, wenn Euch der Tod plötzlich überraſchen ſollte, ſie ihren vormaligen Beſitzern, die Ihr ſchlimmer, als die Hei⸗ den den Apoſtel Petrus, habt hinmartern laſſen, zurück⸗ geben könnt. Gewiß find die beiden kleinen Armagnac's die Erſten, die Euch in der Ewigkeit entgegen kommen und ihr Eigenthum von Euch zurückfordern werden.“

Coittier hatte dem Könige einſt geweiſſagt, daß ihn die ausgeriſſenen Zähne der beiden armen Prinzen ſpäter ärger zerfleiſchen würden, als wenn ſie in dem Munde ihrer frü⸗ heren Beſitzer geblieben wären. Daß dieſe Vorherſagung zur Wahrheit werde, dafür ſorgte jetzt Coittier, indem er den König an ſeine, nicht wieder gutzumachende Grauſam⸗ keit erinnerte.

Der Leſer wundere ſich nicht, daß Coittier mit dem

ſonſt ſo furchtbaren Ludwig alſo zu ſprechen wagte. Der

König ähnelte jetzt, nahe ſeinem Tode, dem alten, ſchwachen