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Bruderliebe : eine geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert : für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
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wie ſeine Schweſter ihren Sohn zur Reiſe fertig machte, wo⸗

bei ſie unter heißen Thränen ihm gute Lehren ertheilte und

die größte Vorſicht anempfahl. Auch brachte ſie ein ſeidenes Schnürchen mit einem kleinen ſilbernen Kreuz herbei, welches ſie ihrem Sohne als einen ſchützenden Talisman umhing. Als Hugo bei dieſer Gelegenheit ſeinen Hemdenhals nach der Schulter hin zurückſchieben mußte, um das mütterliche Weih⸗ geſchenk auf der bloßen Haut zu tragen, näherte der zuſchauende Coittier ſein Antlitz dem Neffen mehr, um ein Muttermal in Augenſchein zu nehmen, das unter dem Halsringe ſich befand

und aus einer größeren und einer kleineren braunen Linſe

beſtand. Zuletzt ſtülpte Frau Michelet über ihres Sohnes Haupt eine ähnliche Lederkappe, wie ihr Bruder trug, und benetzte ſeine Wangen mit einem Strome von Thränen. An⸗ tonie umhalſte gleichfalls weinend den ſcheidenden Bruder

und begleitete ihn nebſt ihrer Mutter bis in den Schloßhof.

Hier empfing er das Haſenbündel und aus des Herzogs Hän⸗ den das Begleitungsſchreiben, welches er in des Knaben um⸗ gehangene Taſche ſteckte. Schon wollte Hugo die Beine zum Fortgehen erheben, als der Herzog wie unwillig ausrief:

„Halt, Bube! willſt du wie eine Fledermaus um den Kopf von dannen gehen? Hinweg mit der ſchmutzigen Le⸗ derkappe! Jedermann ſoll wiſſen, daß dich Nemours abge⸗ ſandt hat.“

Unter dieſen Worten riß der Herzog die Lederkappe von Hugo's Haupte und ſtülpte ihm dafür einen Hut mit dem herzoglichen Feldzeichen auf, welchen er ſeinem zunächſt ſtehen⸗ den Diener abgenommen hatte. Der Hut war für des Knaben Haupt etwas zu weit, daher er ihm tief in's Antlitz herabging.