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Bruderliebe : eine geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert : für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
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wittwete Schweſter zuweilen beſucht. Obſchon ſeine Kleidung die des niederen Standes war, ſo vermuthete doch Frau Mi⸗ chelet aus dem Benehmen und den anſehnlichen Geſchenken ihres Bruders, daß derſelbe mehr ſein müſſe, als er ſich den Anſchein gebe. Sorgſam hatte Coittier jedes Zuſammen⸗ treffen mit dem Herzoge und deſſen Angehörigen vermieden und gewöhnlich ſeine Beſuche in der Dunkelheit des Abends oder in des Herzogs Abweſenheit abgeſtattet. Voll Unge⸗ duld wartete er jetzt auf die Ankunft ſeiner Schweſter, welche

ihrem Bruder unter einem Thränenſtrome mit der Nachricht entgegenkam, welche Gefahr ihrem Hugo drohe. Sie be⸗

ſchwor ihren Bruder, den Knaben mit ſich zu nehmen und

ihn ſomit den Händen des Herzogs zu entreißen, ſollte ſie

auch dadurch deſſen ganzen Zorn auf ſich laden.

Cvittier war ein Mann in den vierziger Jahren, von

hohem, majeſtätiſchen Wuchſe, über deſſen Adlernaſe ein Paar ſchwarze, durchdringende Augen brannten. Sein dunkles, gelocktes Haar barg eine dicht verſchließende Lederkappe, welche auch den Nacken bedeckte und nur das Antlitz offen ſehen ließ. Ohne eine Miene zu verziehen, hörte er die in Fülle überſtrömenden Worte von dem ſchweſterlichen Munde an. Dann, nach kurzem Ueberlegen, ſchüttelte er mißbilli⸗ gend ſein Haupt.

„Wenn der Herzog“— ſprach er—„wirklich weiter

nichts beabſichtigt, als er vorgiebt, ſo ſehe ich keine große

Gefahr für Hugo daraus erwachſen. Ein Anderes wäre es, wenn er der offenen Sendung noch eine geheime, verbrecheriſche beifügte. Aber ſelbſt in dieſem Falle wäre Hugo's Flucht und dein Zurückbleiben eben ſo unräthlich als gefahrvoll.