6 „Ich ſehe etwas!“— erwiederte Antonie halblaut und mit entſetzter Stimme—„Dort in dem äußerſten Winkel!
Iſt's die kleine Prinzeſſin oder ein Geſpenſt?“
„Schlage ein Kreuz über dich, Kind, und rufe die ge⸗ benedeite Jungfrau an“— ſprach Frau Michelet, indem ſie ſelbſt that, wie ſie ihrer Tochter hieß—„und der Spuk wird verſchwinden. Am hellen, lichten Tage zeigt ſich kein Geſpenſt und die arme kleine Prinzeſſin ruht ſo feſt verwahrt in ihrem Zinnſärglein als der Pfirſichkern in ſeiner Stein⸗ ſchale.“
„Es geht nicht weg!“ klagte Antonie, die willig der Mutter Geheiß erfüllt und ſich bekreuzt hatte.—„Ich er⸗ kenne deutlich einen runden Kindskopf und daran zwei Hör⸗ ner. Jetzt regt ſich's! Hört Ihr's raſcheln? Huh!“
Wenn man e daß die Furcht taub und blind mache, ſo iſt das nicht wahr, vielmehr umgekehrt. Der
Furchtſame ſieht und hört dagegen, wo nichts zu ſehen und
zu hören iſt. So auch hier. Das dürre Laub vor Antoniens Füßen raſchelte leiſe unter einem Lufthauche, aber in dem Winkel dort blieb es ſtill und regungslos. Dennoch ergriff Antonie lautſchreiend die Flucht, und ihre Mutter, angeſteckt von der Angſt ihrer Tochter, ſchrie und flüchtete zugleich. So waren beide bereits bis an die Treppe gelangt, welche aus der Gruft hinauf in die Kapelle führte, als, im ſchroffen Gegenſatz zu dem doppelten Angſtgeſchrei, oben vor den Fen⸗ ſtern des Grabgewölbes eine luſtig pfeifende und trällernde Stimme hörbar wurde. Sie wirkte beruhigend, gleich dem Dele, das mgn über bewegte Meereswogen ausgießt.


