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Bruderliebe : eine geschichtliche Erzählung aus dem 15. Jahrhundert : für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
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betroffen. Er war verwelkt, verblichen und zu übel duften⸗ dem Moder geworden. Der Mann, der ſich das ſtärkere Geſchlecht nennt, flieht in der Regel den Anblick des Kirch⸗ hofes, während man denſelben von Frauengeſtalten beſucht und belebt findet, welche die Gräber ihrer Lieben ſchmücken und ſich zugleich den Stachel des Trennungsſchmerzes aufs Neue in das noch nicht geheilte Herz eindrücken. Darum war es auch nur die Herzogin Jolande, welche zweimal im Jahre die herzogliche Gruft betrat, um an dem Sarge ihres Töchterchens zu weinen und ihm ein Liebesopfer von Blumen zu weihen.

Während Frau Michelet mit dem Kehrwiſche die Spinn⸗ weben an den Wänden beſeitigte, raſchelte laut das dürre Laub unter dem emſig fegenden Beſen des Mädchens. Staub⸗ wolken ſtiegen empor, ohne daß die vornehmen Schläfer hierzu eine unwillige Miene gezogen oder ein zorniges Wort ge⸗ ſprochen hätten. Sie blieben ſelbſann noch ſtill, als der Beſen über ihre Umhüllung hinwegglitt und ein ähnliches Geräuſch verurſachte, wie der Schornſteinfegerjunge im Rauchfange.

Plötzlich ließ Antonie einen Schreckensſchrei von ſich hören, der in dem Gewölbe mehrfach und grauſig wieder⸗ hallte. Ihn begleitete der Schall des niederfallenden Beſens, der dem erſchrockenen Kinde aus den Händen geglitten war.

Was giebt's? fragte die nicht minder erſchreckende Mutter, indem ſie die Kehreule ruhen ließ und betroffen nach Antvnien hinblickte, die wie verſteint daſtand und ſtieren Au⸗ ges in den dunkelſten Winkel des Grabgewölbes ſah.So ſprich doch! drängte Frau Michelet mit wachſender Furcht.