— 8
Ausſicht geſtellt worden iſt. Die gnädigen Ariſto⸗ kraten, die jetzt in der Genfer Republik herrſchen, wollen ihn ſogar von neuem in ein geiſtliches Amt zulaſſen, aber unter der, wie mich dünkt, demüthigenden Bedin⸗ gung, daß er ſich mit neuen Probe⸗Arheiten darum bewerbe. Dazu gehört denn auch eine Predigt über die Unſterblichkeit der Seele, womit man ihm auf den Glaubenszahn fühlen will, denn es wäre ja möglich, daß ein Revolutionnair, der für die Erhebung des Volkes zur Herrſchaft gekämpft hat, dabei auch mit den Glaubens⸗Artikeln der Kirche in ein ſtarkes Hand⸗ gemenge gerathen wäre. Nun hat er ſich an mich ge⸗ wandt, ihm eine ſolche Predigt im ſchönſten und ele⸗ ganteſten Franzöſiſch auszuarbeiten, denn der gute Menſch hatte längſt Abſichten auf meinen Stil, von dem er manches nicht Unvortheilhafte gehört haben will, und ich vermuthe, daß er uns auch nur darum ſo energiſch aus den Händen Lord Trumpeters errettet hat, weil er ſich dafür meine oratoriſchen Gefällig⸗ keiten einzutauſchen gedachte. Nun hoffe ich ihn in der That gut durch das Examen zu bringen, denn es hat mir Vergnügen gemacht, mich einmal in die Rolle eines Predigers zu verſetzen, und Dinge, über die man leider ſehr in Ungewißheit iſt, mit einer pomphaften Freigebigkeit zu behaupten und damit um ſich zu werfen. Ich werde Dir meine Predigt heut Abend beim Thee vorleſen.*)
Und Du glaubſt ſelbſt nicht an die Unſterblichkeit
der Seele, Mirabeau? fragte Henriette leiſe, indem ſie ihm mit ihren zärtlichen forſchenden Blicken lange in die Augen ſah.
Warte nur bis zur Theeſtunde, mein Kind, ent⸗ gegnete Mirabeau lächelnd, und Du wirſt aus meiner
0) Vgl. Montigny Mémoires de Mirabeau, IV. 174.
—
———————
y


