Teil eines Werkes 
1. Theil (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

denen er ſich in der letzten Zeit hingegeben hatte, theils aber auch mit einem in Grübeleien ſich verlie⸗ renden Naturell zuſammenzuhängen ſchien.

Einen eigenthümlichen Gegenſatz zu ihm bildete die Erſcheinung ſeines Freundes Chamfort, eines Mannes, der das zweiundvierzigſte Lebensjahr zurückgelegt hatte, und in einer ungleich derberen und kräftigeren Geſtalt ſich darſtellte. Sein Geſicht war überraſchend ſchön, in den regelmäßigen und feinen Zügen drückte ſich eben ſo viel Geiſt als Liebenswürdigkeit und zugleich als Grundcharakter eine anziehende Milde und Sanſt⸗ muth aus. Doch ſpielten dieſe Züge ebenſo leicht in eine beißende Schärfe des Ausdrucks hinüber, und zeigten die wetterlenchtende Laune und den witzigen Einfall heimiſch auf dieſem Antlitz.

In ſeinem Anzuge erſchien Chamfort wie gewöhn⸗ lich etwas vernachläſſigt, und ſelbſt ſeine Wäſche ließ einigermaßen die Sauberkeit vermiſſen. Auch die Ein⸗ ladung zu dem heutigen, ausdrücklich als feſtlich an⸗ gekündigten Diner hatte an dieſer übeln Gewohnheit, die er ſelbſt ſeinem Mangel an Gefallſucht und ſeiner eingetretenen Gleichgültigkeit gegen die Geſellſchaft zu⸗ ſchreiben wollte, nichts geändert, wogegen Cabanis, der die ſorgfältigſte Toilette zu machen pflegte, ſich heut beſonders beeifert zu haben ſchien, die Einladung der Freundin durch ein elegantes Auftreten zu ehren.

In der That, entgegnete Doctor Cabanis mit ſeinem feinen, etwas ſchwermüthigen Lächeln, ich war heut den ganzen Morgen durch einen Kranken in An⸗ ſpruch genommen. Ein Anfänger wie ich, der in dem kleinen Autenil ſeine Praxis beginnt, ſchlägt es ſchon hoch an, wenn eine arme Frau eine Entzündung be⸗ kommt, und er ſich dann mit ihr abmühen und zu⸗ gleich ihren hungernden Kindern, die nach Brot ſchreien, Etwas zu eſſen ſchaffen kann.