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Mädchen, ſagte Mirabeau lachend. Ich habe ſchon einmal von ihm geſagt, daß er Schlangeneier legt, um ſie von Löwen ausbrüten zu laſſen. Und ich bin ſtolz auf dieſes Gleichniß, beſonders aber deshalb, weil es paßt. Er hat es ſchon öfter ſo gemacht.
Ich finde, daß meine Freunde zu gütig gegen mich ſind, erwiederte Chamfort. Wenn mir meine Con⸗ ſtitution erlaubte, Schlangeneier zu legen, wollte ich die lieben jungen Schlangen ſchon ſelbſt aus der Schale bringen und in dem Garten Frankreichs ſpa⸗ zieren führen.
Nein, ſagte Mirabeau, Du würdeſt zu faul zum Brüten ſein, ſowie Du zu faul geweſen biſt, um Dich zu den Reichsſtänden wählen zu laſſen. Und ich weiß noch nicht, wie wir ohne Deinen, immer das richtige Licht verbreitenden Geiſt werden tagen können.
Die Zuſchauerbänke müſſen auch beſetzt ſein, wenn auf der Bühne gut geſpielt werden ſoll, verſetzte Cham⸗ fort. Auch bei der Schrift des Abbé Sieyes über den dritten Stand habe ich nur die guten Dienſte eines Zuſchauers verſehen, nichts weiter. Er ſetzt mir ſeine Ideen auseinander, ich mache natürlich ein ziem⸗ lich geſcheidtes Geſicht dazu, und aus meinen Mienen hat er ſich dann Einiges in ſeine Schrift entnommen, was weiß ich. So wird ein Held erſt durch das Volk, das ihm zujauchzt, zu dem, was er iſt. Mir aber, meine lieben Freunde, vergönnt es, immer nur Volk und nichts als Volk zu fein, denn zu etwas An⸗ derem tauge ich wahrlich Nichts!
Man erfreute ſich dieſer liebenswürdigen Heiterkeit Chamforts, und lachte, indem man ihm herzlich die Hände ſchüttelte. Siéyes aber ſagte, indem ſeine dunkeln, verſchloſſenen Blicke aufflammten: Chamfort hat Recht. Ich habe heut auch ſchon daran gedacht. Am Ende gehöre auch ich gar nicht hierher, und hätte


