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vom Clerus geweſen. Ich will Euch aber aufrichtig ſagen, was mir an der Rede des Herrn de la Farre nicht gefallen hat. Sie war zu ſehr auf einen ge⸗ wiſſen Effect gearbeitet, und mußte daher nothwendig die Hände des Auditoriums in Bewegung ſetzen, was doch ein großer Verſtoß gegen die Etiquette war, den ich ſehr ungern durch ein hohes Mitglied des geiſt⸗ lichen Standes veranlaßt ſehe. Es iſt zwar wahr, was iſt alle Etiquette? Ihr lächelt, Graf Mirabeau. Ich glaube in Euren Augen zu leſen, was Ihr ſagen wollt. Ihr meint, der erſte Stoß gegen die Etiquette ſei ja von der Königin ſelbſt ausgegangen, und des⸗ halb dürfe man ſich nicht wundern, wenn das gefähr⸗ liche Feuer, das die Königin Marie Antoinette mit eigenen Händen anzündet, nun auch von unten herauf zu brennen anfange? Das wollt Ihr ganz gewiß ſagen, Graf Mirabeau, denn Ihr ſeid immer der Mann der verwegenſten Logik geweſen.
Das feine geiſtvolle Geſicht des Biſchofs von Autun ſtrahlte bei dieſen Worten von jener Ironie, die ſich in ſeinem Antlitz in der Regel hinter den Zügen eines ſinnenden und aufmerkſamen Ernſtes barg, und nur in ſeltenen Momenten dieſe Verſtecke vereß um ſich offen in ihrer Uebermacht zu wiegen.
Talleyrand⸗Périgord hatte erwartet, daß auch Mi⸗ rabeau lächeln würde, und als dies zu ſeinem ſichtli⸗ chen Erſtaunen nicht geſchah, wurde er ſelbſt plötzlich wieder ernſthaft, faſt abſtoßend, und richtete einen her⸗ ausfordernden und ſtechenden Blick auf Mirabeau.
Nachdem ſich Beide in einer kurzen Pauſe ſchwei⸗ gend gegenüber geſtanden, ſagte Mirabeau: Ich ge⸗ ſtehe, daß der Anblick der Königin mir heut ein tiefes Mitgefühl eingeflößt hat, und ich fragte mich vor ihren in Leid dahinſchmelzenden Zügen: ob die ſchönſte Frau Frankreichs wirklich auch die unglücklichſte wer⸗


