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zu ſehen, ſchien auch jetzt die Erkennung und Begeg⸗ nung mit dem alten Freunde ſo lange als möglich hinausſchieben zu wollen.
Mirabeau aber, der ihn lange ſcharf beobachtet, trat ihm jetzt ohne Weiteres in den Weg, und ſagte, ihm mit kräftiger Rückſichtsloſigkeit die Hand ſchüttelnd: An einem Tage, mit dem ſich die ganze Nation er⸗ neuert, laßt uns auch die alte Freundſchaft erneuern, Talleyrand⸗Périgord! Sollte denn wirklich mein un⸗ Luihe Buch über den preußiſchen Hof, an deſſen
riſtenz ich doch ſo geringe Schuld trage, uns für immer auseinandergebracht haben?
Talleyrand hatte mit ſeiner flüchtigen Grazie, die ihn auch in dem pomphaften Biſchofs⸗Ornat nicht verließ, die ihm dargereichte Hand Mirabeau's nur leiſe geſtreift, und ſagte dann, indem über ſein ernſtes, lauerndes Geſicht ein verbindliches Lächeln irrte: Iſt wohl die Zeit da, um an Bücher zu denken? Bücher kann man vergeſſen, aber ſeine ächten Freunde ver⸗ gißt man nie. Und jetzt braucht ja ein Freund den
andern, wie dieſe Einberufung der Reichsſtände beweiſt.
Die Regierung ruft die Stände als ihren Freund in der Noth, und ein Stand, denke ich, wird jetzt auch wieder an dem andern ſeinen Freund in der Noth haben. Und da liegen auch wir uns wieder in den Armen, Graf Mirabeau!
Wenn Ihr dies ausſprecht, ſo bedeutet es Glück für das Gelingen dieſer ganzen Verſammlüng, erwie⸗ derte Mirabeau. Der dritte Stand, den ich hier zu vertreten habe, wird ſich beſonders gern mit dem Clerus zu einem einigen Wirken zuſammenſchließen. Große Hoffnungen erregte uns dazu ſchon die vor⸗ treffliche Predigt des Herrn Biſchofs von Nanchy. Was Herr de la Farre heut von der Karzel herab über die Verderbniß der Höfe und die Rechte des'


