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In dieſem Augenblick begann ein Chor melodiſcher und ausdrucksvoller Stimmen die Hymne O salutaris hostia anzuſtimmen, und drang mit einer einfachen, hinreißenden Gewalt durch die Hallen der Kirche. Bald darauf erſchien der Biſchof von Nancy, Herr de la Farre, auf der Kanzel, um ſeine Rede zu be⸗ ginnen, der man von vielen Seiten mit einer ge⸗ ſpannten Erwartung entgegen geſehen hatte. Die Hofleute trauten ihren Ohren kaum, als der fromme Biſchof in einem ungemein ſchwungvollen Sermon über den Lurus und Despotismus der Höfe, über die Pflichten der Fürſten und die Rechte des Volks zu predigen anhub. Die Verſammlung wurde davon ſo hingeriſſen, daß plötzlich von allen Seiten ein lautes und ſtürmiſches Beifallklatſchen losbrach. Dies hieß der Etiquette ſo ſtark ins Geſicht ſchlagen, daß auf den Plätzen des Hofes eine unruhige Bewegung ent⸗ ſtand. Denn ſelbſt im Theater hatte bisher in Ge⸗ genwart des Monarchen kein Beifallsklatſchen erſchallen dürfen.*)
Der König ſah aber auch bei dieſem Vorgange ruhig und unbewegt aus. Seine Blicke hingen nur an dem Geſicht der Königin, deren Marmorbläſſe ſich plötzlich in eine tiefe dunkle Purpurgluth verwan⸗ delt hatte. Kaum aber war die Predigt und die darauf folgende religiöſe Ceremonie beendigt, als auch der Hof ſchon aufgebrochen war, und die Verſamm⸗ lung, die zu dem Thronhimmel emporblickte, plötzlich nur die leergewordenen Plätze wahrnahm.
Dann entſtand auf Einmal ein lebhaftes Durch⸗ einanderbewegen in der Kirche. Die Abgeordneten erhoben ſich von ihren Sitzen, in denen ſie bisher, in räumlicher Trennung des einen Standes von dem
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*) Mirabeau Journal des Etats-Généraux No. 1.


