iſt mir immer vorgekommen, wie das ſchöne Mähr⸗ chen von den zwölf ſchlafenden Jungfrauen, oder wie viel habt Ihr Staaten in Deutſchland? Ich glaube gar, es ſind deren noch mehr als zwölf, wenn man ſich die Mühe geben will, ſie alle zuſammenzurechnen.
O ja, erwiederte der Schuhmacher lakoniſch, in⸗ dem er mit einer ſtolzen Handbewegung auf das Königliche Schloß hinzeigte, das jetzt in ſeiner Haupt⸗ front ſich vor ihren Blicken darſtellte.
Graf Mirabeau blieb ſtehen, und ſtellte ſich mit verſchränkten Armen hin, um das preußiſche Königs⸗ ſchloß in ſeinem mächtigen und bedeutungsvollen Bau, der einen großen Eindruck auf ihn zu machen ſchien, zu überſchauen. Meiſter Sommerbrodt drückte über dies Intereſſe, welches Mirabeau an den Tag legte, ſein beſonderes Wohlgefallen aus, welches ihn ſo weit hinriß, daß er den Grafen vertraulich und belobigend auf die Schulter klopfte.
Was die zwölf ſchlafenden Jungfranen anbetrifft, fuhr er dann mit ſeinem verſchmitzten und etwas bos⸗ haften Lächeln fort, ſo thut Ihr wohl Unrecht, wenn Ihr mit ihnen die Staaten Deutſchlands vergleicht. Es giebt wohl mehr als dreißig ſolcher ſchlafenden Jungfrauen, deren Schlafſtube man das Deutſche Reich nennt, aber für ihre Jungfraaſchaft möchte ich nicht gerade einſtehen, denn eine jede unter ihnen hat doch wohl ſchon irgendwie ihre Unſchuld verloren.
Und Euer preußiſches Königsſchloß wäre wahrlich groß genug dazu, um alle die ſchlafenden Jungfrauen von Deutſchland, wie viele es auch ſein mögen, unter ſeinem einzigen Dach zu vereinigen! ſagte Mirabeau nachſinnend, und unaufhörlich in das Anſchauen des berliner Schloſſes verſunken. Und nicht wahr, mein Freund, das iſt die Spree, welche dort die andere Seite des Schloſſes umſpült, und über die wir her⸗


