Teil eines Werkes 
4 (1857) Gefangen und befreit : Roman / von Theodor Mügge
Entstehung
Einzelbild herunterladen

184

Lebe wohl! rief Aurelie mit hohler Stimme aus tiefſter Bruſt, indem ſie den Brief fallen ließ und mit einer heftigen Bewegung den Hut von ihrem Kopfe riß. Ihre Augen erhielten den Glanz des Wahnſinns; ſie zitterte und wankte; ein convulſiviſches Zucken lief durch ihre Züge.

In dieſem Augenblick trat Bernauer durch eine Nebenthür herein, wo er unentveckt ſchon lange geſtanden hatte. Langſam näherte er ſich Aurelien und hielt ſie aufrecht, indem er ſie zu einem Lehnſtuhl führte.

Tröſten Sie ſich, Frau Baronin, ſagte er, hören Sie auf den höchſten Troſt.

Es giebt keinen Troſt für mich, murmelte ſie, die Hände ringend. Verloren! verloren! ich habe nichts mehr zu hoffen, und Sie, o! Sie ſelbſt ich folgte Ihrem Rath!

Gott züchtigt die Sünder, erwiderte der Geiſtliche ernſt und ſtark; Gott erlaubt uns auch der Sünde zu dienen, damit ſie offenbar werde. Er ruft die Fin⸗ ſterniß hervor, damit das Licht leuchte; er prüft die Herzen in Verſuchungen und erbarmt ſich ihrer in tiefſter

Noth.

Schmach, Schande, Sünde über mich! rief Aurelie ſchwer athmend. O, meine Mutter! Du haſt es vor⸗