178
„Wie einfältig man iſt! Ich glaubte, Sie nicht mehr wieder zu ſehen. Denken Sie ſich, Herr Pontmercy, daß ich in dem Augenblick, wo Sie eintraten, zu mir ſagte: Es iſt aus! Da iſt Ihr kleines Kleid; ich bin ein elender Menſch, ich werde Coſette nicht wiederſehen, ich ſagte das in eben dem Augenblick, als Sie die Treppe herauf kamen. War ich dumm! So dumm kann man ſein! Aber man rechnet ohne den lieben Gott. Der liebe Gott ſagt: Du bildeſt Dir ein, daß man Dich verlaſſen wird, Einfalts⸗ pinſel! Nein, nein, ſo ſoll das nicht ſein. Es iſt da ein armer Alter, der eines Engels bedarf. Und der Engel kommt; und man ſieht ſeine Coſette wieder! Man ſieht ſeine theure Coſette wieder! Ach ich war ſehr unglücklich.“
Er vermochte einen Augenblick nicht zu ſprechen, dann fuhr er fort:
„Es war mir wirklich ein Bedürfniß, Coſette von Zeit zu Zeit ein wenig zu ſehen. Ein Herz verlangt einen Knochen, an dem es nagen kann. Indeß fühlte ich wohl, daß ich überflüſſig war. Ich gab mir darauf Gründe an: ſie bedürfen Deiner nicht, bleib in Deinem Winkel; man hat kein Recht, ſich ewig zu machen. Ach, geſegneter Gott, ich ſehe ſie wieder! Weißt Du, Coſette, daß Dein Mann ſehr ſchön iſt? Ei, Du haſt einen hübſchen geſtickten Kragen! Das Muſter gefällt mir. Dein Mann hat es gewählt, nicht wahr? Und dann mußt Du einen Caſchemirſhawl haben. Herr Pontmercy, erlauben Sie mir, ſie Du zu nennen. Es ſſt nicht mehr für lange Zeit.“
Und Coſette ſagte:
„Welche Bosheit, uns ſo zu verlaſſen! Wohin ſind Sie denn gegangen? Weshalb ſind Sie ſo lange fortge⸗ blieben? Sonſt dauerte Ihre Reiſe immer nur drei oder
vier Tage. Ich habe Nikolette geſchickt und man antwortete
immer: Er wäre abweſend. Seit wann ſind Sie zurück? Weshalb haben Sie es uns nicht wiſſen laſſen? Wiſſen Sie


