13
Endlich am 7. September, Tag für Tag, vier Monate nach jener ſchmerzvollen Nacht, in welcher man ihn ſterbend zu ſeinem Großvater gebracht hatte, erklärte der Arzt, daß er für ihn einſtände. Die Geneſung begann. Marius mußte indeß noch länger als zwei Monate in Folge des Schlüſſelbeinbruches auf einem Ruhebett liegen bleiben. Es giebt immer ſo eine letzte Wunde, die ſich nicht ſchließen will und die zum großen Verdruß des Kranken die Ver⸗ bände bis in die Ewigkeit hinauszieht. Uebrigens ſchützte dieſe lange Krankheit und dieſe lange Geneſung ihn vor den Verfolgungen. In Frankreich giebt es ſelbſt öffentlich keinen Zorn, der nicht nach ſechs Monalen erlöſcht. Die Aufſtände ſind bei dem Zuſtande der Geſellſchaft ſo ſehr die Schuld Aller, daß ihnen ein gewiſſes Bedürfniß, die Augen zu ſchließen, folgt.
Fügen wir hinzu, daß die nicht zu bezeichnende Ordo⸗ nanz Gisquets, welche den Aerzten befahl, die Verwundeten anzuzeigen, die öffentliche Meinung, und nicht dieſe allein, ſondern den König zunächſt empört hatte, und daß die Ver⸗ wundeten durch eben dieſe Empörung geſichert und geſchützt wurden; mit Ausnahme derer, welche während des Kampfes gefangen genommen worden waren, wagten die Kriegs⸗ gerichte nicht, einen Einzigen zu beläſtigen. Man ließ da⸗ her Marius in Ruhe.
Herr Gillenormand duvchlebte Anfangs jede Qual und dann jedes Entzücken. Man hatte viel Mühe ihn ab⸗ zuhalten, alle Nächte bei dem Verwundeten zuzubringen. Er ließ ſeinen großen Armſtuhl neben das Bett des Ver⸗ wundeten tragen; er verlangte, daß ſeine Tochter die feinſte Leinewand des Hauſes in Compreſſe und Bandagen ver⸗ wandeln ſollte. Fräulein Gillenormand fand als bejahrte und verſtändige Perſon indeß das Mittel, die ſchöne Leinewand zu ſparen, während ſie dem Großvater glauben ließ, ſie gehorche ihm. Herr Gillenormand geſtattete nicht, ihm zu


