Teil eines Werkes 
5. Abt., 1. Bd. (1863)
Entstehung
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Pflicht. Nein. Etwas mehr. Es giebt alſo etwas Höheres als die Pflicht? Hier erſchrak er. Seine Wagſchale kam aus dem Gleichgewicht; eine der Schalen ſank in den Ab⸗ grund, die andere erhob ſich zum Himmel; Jean Valjean empfand nicht weniger Schrecken von der, die ſtieg, als von der, die ſank. Ohne im Geringſten das zu ſein, was man Voltairianer oder Philoſoph oder Ungläubiger nennt⸗ voll Achtung, im Gegentheil, aus Inſtinkt für die eingeſetzte Kirche, kannte er ſie dennoch nur wie ein erhabenes Bruch⸗ ſtück des ſocialen Ganzen; die Ordnung war ſein Dogma und genügte ihm; ſeitdem er das Mannesalter erreicht und Beamter war, legte er in die Polizei ſo ziemlich ſeine ganze Religion, indem er, wie wir bereits ohne die geringſte Jronie bemerkten, Spion war, wie man Prieſter iſt. Er hatte einen Vorgeſetzten, Herrn Gisquet; bis zu dieſem Tage dachte er nicht einmal an jenen höheren Vorgeſetzten, an Gott!

Dieſen neuen Vorgeſetzten fühlte er unvermuthet und wurde durch ihn beengt.

Er kam durch dieſe unerwartete Erſcheinung aus ſeiner gewöhnlichen Richtung; er wußte nicht, was er aus dieſem Vorgeſetzten machen ſollte, er, dem es nicht unbekannt war, daß der Untergeordnete ſich ſtets fügen muß, daß er nicht das Recht habe, ungehorſam zu ſein, noch zu tadeln, noch zu überlegen, und daß der Untergebene dem Vorgeſetzten gegenüber, während er ihn in Verwunderung ſetzt, nichts Anderes zu thun hat, als ſich zu unterwerfen.

Aber was ſollte er thun, um Gott ſeine Entlaſſung einzureichen?

Was er auch denken mochte, kehrte er doch immer zu der alle übrigen beherrſchenden Thatſache zurück, daß er eine entſetzliche Pflichtverletzung begangen hatte. Er ſchloß die Augen vor einem einfältigen Verurtheilten, der den Bann gebrochen hatte. Er ließ einen Galeerenzüchtling