Teil eines Werkes 
5. Abt., 1. Bd. (1863)
Entstehung
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galt, der für den Haß die Verzeihung hatte, der das Mitleid dem Rechte vorzog, der lieber ſich ſelbſt, als ſeinen Feind in das Verderben ſtürzte, der den rettete, welcher

ihn niedergeſchmettert hatte, knieete auf dem Gipfel der

Tugend, näher dem Engel als dem Menſchen. Javert war gezwungen, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß dieſes Unge⸗ heuer exiſtire.

Das konnte ſo nicht bleiben.

Nicht ohne Widerſtand ergab er ſich dieſem Ungeheuer, dieſem nichtswürdigen Engel, dieſem entſetzlichen Helden, über den er beinahe ebenſo empört, wie verwundert war.

Während er in dem Wagen neben Jean Valjean ſaß,

hatte zwanzig Mal der geſetzmäßige Tiger in ihm gebrüllt; zwanzig Mal verſuchte er, ſich auf Jean Valjean zu werfen, ihn zu ergreifen und zu verſchlingen, d. h. zu arretiren. Was konnte in der That auch einfacher ſein? Dem erſten beſten Wachtpoſten, an dem er vorüberkam, zuzurufen: Hier iſt ein bannbrüchiger Verbrecher! Die Gensdarmen herbeizuholen und ihnen zu ſagen: Dieſer Menſch iſt für Sie! Dann fortzugehen, den Verurtheilten dazulaſſen, ſich um das Uebrige nicht zu bekümmern, ſich in Nichts mehr zu miſchen. Dieſer Menſch iſt für immer der Gefangene des Geſetzes; das Geſetz wird mit ihm machen, was es will. Was konnte gerechter ſein? Javert hatte ſich das Alles geſagt. Er hatte vorwärts ſchreiten, handeln, den Menſchen verhaften wollen, aber damals, wie jetzt, hatte er es nicht vermocht, und ſo oft ſeine Hand ſich krampf⸗ haft gegen den Kragen Jean Valjean's erhob, war ſie, wie durch ein gewaltiges Gewicht, niedergedrückt, herabgeſunken, und er hörte in ſeinem Innern eine mächtige Stimme, welche ihm zurief: Gut! Liefere Deinen Retter aus. Dann laß das Becken des Pontius Pilatus kommen und waſche Dir Deine Krallen.