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Bis zu dieſem Tage war Jean Valjean noch nie durch den Augenſchein beſiegt worden. Er hatte die fürchterlich⸗ ſten Prüfungen erduldet; das Schickſal hatte jede Grauſam⸗ keit gegen ihn geübt, aber er nahm Alles an, ohne zurück⸗ zuweichen. Er hatte ſein wiedergewonnenes Glück unver⸗ letzlich geopfert, ſeine Freiheit preisgegeben, ſeinen Kopf ge⸗ wahrt, Alles verloren, Alles erduldet und war uneigennützig und ſtoiſch geblieben, ſo, daß man zuweilen hätte glauben können, er ſei ſich ſelbſt entrückt, wie ein Märtyrer. Sein Gewiſſen, an alle möglichen Widerwärtigkeiten gewöhnt, ſchien für immer unbeſieglich zu ſein. In dieſem Augen⸗ blicke aber wurde er ſchwach.
Das kam daher, weil er von allen Martern, welche das Geſchick ihm bisher auferlegt hatte, die, welche er jetzt empfand, die größte war. Nie hatte eine ſolche Pein ihn ge⸗ packt. Er fühlte, daß die größte, die einzige Prüfung der Verluſt der Liebe Coſettens ſei.
Der arme, alte Jean Valjean liebte Coſetten ſicher nicht anders, als wie ihr Vater; aber wir erwähnten früher ſchon, daß dieſes Vatergefühl bei ihm jede andere Liebe erſetzte und in ſich ſchloß; er liebte Coſette, wie ſeine Tochter, wie ſeine Mutter, wie ſeine Schweſter und, da er nie eine Geliebte oder eine Frau gehabt hatte, die Natur aber ein Gläubiger iſt, der keinen Proteſt annimmt, hatte auch dieſes Gefühl ſich unbeſtimmt, ihm ſelbſt unbewußt, rein in der Reinheit der Verblendung, himmliſch, engliſch, göttlich, ſeiner bemächtigt, aber weniger als Gefühl, wie als Inſtinkt, und die eigentliche Liebe lag in ſeiner großen Zärtlichkeit für Coſette, wie die Goldader in dem Berge, verborgen und jungfräulich.
Man erinnere ſich an die Stimmung des Herzens, die wir bereits andeuteten. Keine Heirath war zwiſchen ihnen möglich, ſelbſt nicht einmal die der Seele, und dennoch waren ihre Geſchicke mit einander innig verbunden. Coſette ausge⸗


