Teil eines Werkes 
4. Abt., 2. Bd. (1863)
Entstehung
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13 Ungezwungenheit, Durchſichtigkeit, Weiße, Aufrichtigkeit, Leich⸗ tigkeit. Man hätte von Coſette ſagen können, daß ſie leuch⸗ tend ſei. Auf Jeden, der ſie ſah, machte ſie den Eindruck des Mai's und des Tagesanbruchs. Es lag Thau in ihren Augen. Coſette war eine Verkörperung der Morgenröthe in der Geſtalt eines Weibes.

Es war ganz einfach, daß Marius, indem er ſie anbe⸗ tete, ſie bewunderte. Die Wahrheit iſt, daß dieſe kleine Penſionairin, eben erſt aus dem Kloſter gekommen, mit Scharfſinn plauderte und oft die wahrſten und zarteſten Worte ſprach. Ihr Geſchwätz war eine ernſte Unterhaltung. Sie täuſchte ſich über nichts; ſie hatte einen richtigen Blick. Das Weib fühlt und ſpricht mit dem zärtlichen Inſtinkt des Herzens, dieſem unfehlbaren Richter. Niemand verſteht es ſo wie ein Weib, zugleich ſüße und tiefe Dinge zu ſagen.

Bei dieſem ungetrübten Glücke traten ihnen jeden Au⸗ genblick Thränen in die Augen. Ein Geſchöpf des guten Gottes, das zertreten wurde, eine Feder, die aus einem Neſte fiel, ein Zweig, der zerbrach, erweckte ihr Mitleid, und ihr Entzücken, mild gepaart mit Melancholie, ſchien nichts zu verlangen als zu weinen. Das höchſte Symptom der Liebe iſt eine Rührung, die bisweilen unerträglich wird.

Sie vergötterten ſich.

Das Dauernde und Unwandelbare beſteht. Man liebt ſich, man lächelt ſich zu, man lacht, man ſchmollt ſich mit den Lippen; man verſchlingt die Finger der Hände, man nennt ſich Du, und das Alles hindert die Ewigkeit nicht. Zwei Liebende verbergen ſich am Abend in der Dämmerung, in der Unſichtbarkeit mit den Vögeln, den Roſen, ſie bezau⸗ bern ſich gegenſeitig in dem Schatten ihrer Herzen, die ſie in ihre Augen legen; ſie flüſtern, ſie plaudern und während deſſen erfüllen die ungeheuren Bewegungen der Sterne die Unendlichkeit.