Teil eines Werkes 
3. Abt., 2. Bd. (1863)
Entstehung
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Unerhörte Zweifel! Seit einer Stunde ſprachen in ſeinem Gewiſſen zwei Stimmen: die eine ermahnte ihn, das Teſtament ſeines Vaters zu befolgen, die andere rief ihm zu, dem Gefangenen zu Hülfe zu eilen. Dieſe beiden Stimmen ſetzten ohne Unterbrechung ihren Kampf fort und verurſachten ihm Todesqualen. Er hatte bisher die un⸗ beſtimmte Hoffnung gehegt, irgend ein Mittel ausfindig zu machen, und ſeine Pflichten mit einander zu vereinigen. Aber es bot ſich ihm nichts Mögliches. Indeß drängte die Gefahr, die letzte Grenze des Angriffes war erreicht. Einige Schritte von dem Gefangenen entfernt ſtand Thénardier ſinnend, das Meſſer in der Hand.

Außer ſich und wie in Verzweiflung eine letzte Hülfe ſuchend, blickte Marius umher.

Plötzlich erbebte er.

Zu ſeinen Füßen auf dem Tiſche beſchien ein Strahl des Mondes ein Blatt Papier. Auf dem Blatte las er die Worte, welche die älteſte Tochter Thénardier's an eben dieſen Morgen mit großen Buchſtaben geſchrieben hatte: Die Einkeiler ſind da!

Ein Licht der Gedanken zuckte ihm durch das Gehirn; das war das Mittel, das er ſuchte, die Löſung dieſes ent⸗ ſetzlichen Problems, das ihn marterte: den Mörder ſchonen und das Opfer retten. Er kniete auf der Kommode nieder, ergriff das Blatt Papier, bröckelte leiſe ein Stückchen Kalk von der Wand ab, wickelte das Papier darum und warf das Blatt durch die Oeffnung in der Wand in die Höhle hinein.

Es war die höchſte Zeit. Thénardier hatte ſeine letz⸗ ten Zweifel oder ſeine letzten Gewiſſensbiſſe beſiegt und ging auf den Gefangenen zu.

Es fällt Etwas! rief die Thénardier.

Was iſt es?