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erzählen, wie die Dichtkunſt ſeinem erſten Dichter enthüllt worden iſt; er ſah, ein reiches Herz, eine gedankenvolle Seele, zwei Tauben flattern; er bewunderte die Anmuth ihres Fluges und die Schnelligkeit der Verfolgung der Verliebten: plötzlich wird ein Pfeil von unbekannter Hand abgeſchoſſen, er durchſchwirrt die Luft und trifft einen von den zwei Voͤgeln; da veigießt er Thränen des Mitleids, ſeine Seufzer, die ſich nach den Schlägen ſeines Herzens meſſen, nehmen eine rhythmiſche Bewegung an: die Poeſie entſteht, und ſeit jenem Tage fliegen die Verſe, melodiſche Tauben, paarweiſe durch die ganze Welt. Er⸗ innern Sie ſich doch Virgils, des tiefen und zarten Dich⸗ ters; hören Sie ihn. Wenn er über die Bürgerkriege weint, welche die väterlichen Felder entvolkern, wenn er die Hirten beklagt, welche genöthigt ſind, ihre lieblichen Wieſen zu verlaſſen, hatte er nicht auch in ſeinem um⸗ fangreichen Mitleiden mit ſo viel Unglück eine Thräne für jene großen weißen Stiere mit den langen Hörnern, deren verſchwundene Racen Italien befruchteten? Hören Sie ihn, wenn er die Schmerzen von Gallus, dem conſulariſchen Dichter, von Gallus, ſeinem Freunde, beklagt, zeigt er ihm nicht im Gefolge der Götter, die er herbeigeführt hat, um ihn über ſeine verhängnißvolle Liebe zu tröſten, ſeine Schafe, welche traurig und blökend um ihn her⸗ ſtehen, und ruft er ihm nicht in jener melodiſchen Sprache, die ihm den Namen der Schwan von Mantna gegeben hat, zu:„Die demüthigen Schafe verachten Dich nicht! Verſchmähe ſie nicht, göttlicher Dichter!“
Dann gehen Sie vom Alterthume zum Mittelalter über und erinnern Sie ſich der reizenden, rührenden Le⸗ gende von Genovefa von Brabant. Durch einen Verräther verleumdet, wird die Frau von ihrem Gatten verſtoßen, und ebenſo das Kind, welches in Schuld geboren worden ſein ſoll; eine Hirſchkuh leiht ihre Höhle der Mutter und gibt ihre Milch dem Kinde; das Thier, welches vergeſſen hat, daß es die Hoffart des Menſchen aus der großen


