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„Herr Graf, ich hoffe, daß Sie meine Zudringlichkeit entſchuldigen werden. Doch es handelt ſich, wie ich Ihnen habe ſagen laſſen, um eine Frage über Leben und Tod. S Excellenz läuft in dieſem Augenblick eine Todesge⸗ ahr.“
„Nur eine? Oh! ich glaube Ihnen nicht,“ entgeg⸗ nete er mit einem traurigen Lächeln.
„Was wollen Sie damit ſagen?“
„Schauen Sie mich an. Die Todesgefahr, die Sie mir verkündigen, bedroht mich wahrſcheinlich von außen.
Doch ich kenne eine andere, welche minder fern iſt, und
der ich nicht entgehen werde, die, welche ich in mir trage.“
Das Mädchen ſchaute den Grafen von Eberbach an. 2 Dieſe hohlen Wangen, dieſe weißen Lippen, dieſe durchſichtige Geſichtshaut, dieſer braune Kreis um ſeine Augen, welche allein noch lebten, machten einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck auf ſie. So abgenutzt und ſo verſcheidend der Graf ausſah, man fühlte, daß dies nicht der Ueberreſt eines Mannes ohne Geiſt und ohne Herz war. Die Seele hatte ihr Gepräge auf ſeinem Geſichte gelaſſen, und es waren noch einige Herbſtſtrahlen auf dieſem früh⸗ zeitigen Schnee. Trotz aller Zertrümmerungen dieſer einſt herzlichen und edelmüthigen Natur, vermiſchte ſich eine Gewohnheit der Eleganz und der Würde auf ſeiner Stirne mit einem Ausdruck wirklicher Güte, und ſeine ſt⸗ flößte unwiderſtehlich Achtung und Sympa⸗ thie ein.
War es die Anziehungskraft dieſer ſichtbaren Güte in den Augen des Grafen? War es das Leiden und die Krankheit verrathen durch dieſes ermüdete und bleich ge⸗ wordene Geſicht? Die junge Perſon fühlte ſich beim erſten Blicke durchdrungen von einer ſeltſamen Rührung, als wäre ihr der Graf nicht fremd, als ginge ſie ſeine Krank⸗ heit an, als beſtände Verwandiſchaft zwiſchen ihr und dieſem edlen Geſichte.


