Teil eines Werkes 
5.-10. Bdchn (1851)
Entstehung
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Sie zog aus ihrer Toſche ein Meſſer, oͤffnete es und näherte ſich Samuel, bewaffnet und beruhigt.

Berühre mich nicht, ſagte ſie,oder ich ſtoße Dich nieder. Heile mich nur.*

Aber plötzlich warf die Arme das Meſſer fern von ſich.

Bin ich toll! rief ſie.Er ſoll mich heilen und ich bedrohe ihn! Nein, mein Samuel, ich bedrohe Dich nicht mehr! Du ſiehſt, daß ich mein Meſſer weggewor⸗ fen habe. Ich bitte Dich, mein Kopf thut mir ſo wehe. Verzeihe mir. Heile mich, rette mich.

Sie fiel zu den Füßen von Samuel und umſchlang ſeine Kniee mit ihren Armen.

Es war eine bewunderungswürdige Gruppe, beim bleichen Schimmer des Mondes, unter den wilden Felſen, dieſes in Thränen zerfließende junge Mädchen, wie es ſich mit aufgelöſten Haaren an den Beinen dieſes Marmors krümmte und wand. Mit gekreuzten Armen ſchaute Samuel zu, wie der Brand, den er in dieſem jugendlichem Blute entzündet hatte, unheilvoll emporloderte. Eine unausſprech⸗ liche Gluth belebte Gretchen. Funken ſprangen aus ihren Augen hervor und beleuchteten ihre braune Haut. Sie war ſchön ſo. Unwillkürlich fühlte ſich Samuel ergriffen von allen dieſen Flammen des verzehrten Kindes.

Das Fieber, das in ihr brannte und außer ihr ſtrahlte, fing an ihn zu durchdringen.

Ohl Du biſt alſo immer noch böſe auf mich? ſagte das ſchöne Mädchen.Warum haſſeſt Du mich?

Ich haſſe Dich nicht, erwiederte Samuel,ich liebe Dich, Du haſſeſt mich.

Oh! nicht mehr, ſprach ſie ſanft, indem ſie ihr reizendes Antlitz gegen ihn erhob.

Dann ohne Uebergang den Gedanken wechſelnd, rief ſie mit hartem Tone:

Doch ich haſſe Dich immer.

Und ſie wollte entfliehen.