Teil eines Werkes 
1.-4. Bdchn (1851)
Entstehung
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E. er te n

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daran? Warum ſtellte ſie ſih nicht ohne eine unſägliche Unruhe dieſen Mann in den Armen einer Andern vor? Warum kehrte das Bild von Gottlob, W geblich zurück⸗ geſtoßen, unabläſſig wieder, um ſie zu quälen, wie die halsſtarrigen Mücken, die ſie mit der Hand verjagte? Warum hatte ſie an dieſem Tag ihre Ziegen, ſtatt dieſelben ihrer Gewohnheit gemäß nach den Felſen oder in die Tiefen des Waldes zu führen, gerade im Gegen⸗ theil den Saum von dieſem und die Seiten der Ebenen geſucht? Gottlob beſaß hier Feldſtücke. Warum war ſie den ganzen Tag in dieſer Gegend geblieben, und war⸗ um hatte ſie, da Gottlob nicht gekommen, in ihrem Ge⸗ müthe etwas wie eine unbeſtimmte Traurigkeit gehabt? Sie hatte ſich entſchloſſen, nach Hauſe zu kehren, ohne nur das Ende des Tags abzuwarten. Plötzlich hatte ſie gebebt: ſie hörte hinter ſich die Stimme von Gott⸗ lob. Sie hatte ſich umgedreht und im Hohlwege den von den Feldern zurückkommenden jungen Mann erblickt.

Doch er war nicht allein, der Vater von Roſe und Roſe

ſelbſt waren bei ihm.

Er gab den Arm ſeiner Braut und ſprach heiter mit ihr. Gretchen hatte ſich hinter den Bäumen ver⸗ borgen und war nicht geſehen worden.

Warum hatte ſich ihr Herz zuſammengeſchnürt? War⸗ um hatte ſie auf Roſe einen Blick voll Eiferſucht geworfen? Warum hatte ſie zum erſten Mal in ihrem Leben die glühenden Geheimniſſe der Hochzeitnächte vor ihren Augen vorüberziehen ſehen? Warum verfolgten ſie die Helterkeit von Gottlob und der Stolz von Roſe bis auf die Schwelle ihrer Hütte? Warum betrübte ſie das, was ſie ge⸗ wünſcht hatte? Warum hatte ihr, welche nie einen ſchlimmen Gedanken gehabt, das Glück Anderer die ſo tiefe Thräne aus dem Herzen gepreßt?

Lauter Fragen, auf die ſie nichts antworten konnte. Sie wollte dieſe Gedanken abſchülteln und ſtand auf. Das Fieber brannte ihre Augen und ihre Lippen.