Teil eines Werkes 
1.-4. Bdchn (1851)
Entstehung
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Gretchen wollte hineiggehen und blieb dennoch auf dem Raſen ſitzen; ihre Hände falteten ſich auf ihrem Schooß, ſie ſch ute, ohne zu ſehen, hatte die Augen nach den Sternen gerichtet, den Geiſt nirgends. Sie litt in ihrem ganzen Weſen, ohne zu wiſſen, warum. Sie hatte Luſt, zu weinen. Es ſchien ihr, als müßte ſie das er⸗ leichtern, und ſie ſtrengte ſich an, dazu zu gelangen, wie die brennende Erde um einen Thautropfen flehte. Nach

einer unermeßlichen Anſtrengung fühlte ſie envlich eine.

Thräne in ihrem trockenen Auge keimen.

Was ſie am meiſten in Erſtaunen ſetzte, war, daß

ſie aus ihrem Geiſte einen Gedanken nicht reißen konnte, der ſeit zwanzig Stunden wider ihren Willen darin wohnte; den Gedanken an Gottlob, den jungen Bauer, der ſie im vorhergehenden Jahre hatte heirathen wollen. Warum dachte ſie an dieſen jungen Mann? Warum dachte ſie mit Kummer und Vergnügen an ihn, ſie, der er ſtets gleichgültig geweſen war?

Es war noch kein Monat, daß ſie Gottlob, als er ihr begegnete, ſchüchtern gefragt hatte, ob ſich ihre Ge⸗ ſinnung noch nicht geändert, und ob ſie immer noch nur die Einſamkeit liebe. Sie hatte ihm geantwortet, ihre Freiheit ſei ihrer theurer als je.

Gottlob hatte ihr geſagt, ſeine Eltern wollen ihn zwingen, Roſe, ein Mädchen aus der Gegend, zu hei⸗ rathen. Gretchen hatte nicht die geringſte Bewegung der Eiferſucht gefühlt. Sie hatte Gottlob aufgefordert, dem Wunſche ſeiner Eltern zu entſprechen, und weit entfernt, in ihrem Herzen oder in ihrer Eitelkeit gereizt zu ſein, hatte es ihr eine wahre Freude gemacht, zu wiſſen, dieſer brave junge Mann könnte ſich mit einer Andern tröſten und mit ihr glücklich ſein.

Seit dieſem Zuſammentreffen hatte ſie zuweilen wie⸗ der an die Heirath von Gottlob gedacht, doch immer mit demſelben Gefühle des Vergnügens. Warum dachte ſie alſo heute mit einer Art von Bitterkeit und Bedauern