Teil eines Werkes 
1.-4. Bdchn (1851)
Entstehung
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Geheimniſſe einer Nacht und einer Beele.

Was hatte Samuel ſeit dem Tage vorher, ſeit dem Abgange von Heidelberg gethan?

Am vorhergehenden Abend hatte ihn ſein Pferd gegen ſieben Uhr, weniger als vierundzwanzig Stunden, nachdem er es verlaſſen, nach Landeck zurückgebracht.

Er hatte ſich noch in die Hütte von Gretchen ſchlei⸗ chen können.

Kaum war er fünf Minuten weggegangen, als Grei⸗ chen ihre Ziegen nach Hauſe brachte. Sie kam früher als gewoͤhnlich, und ohne zu warten, bis es völlig Nacht geworden war. Seit dem Morgen empfand ſie ein uner⸗ klärliches Mißbehagen, das ihr den Schlaf und den Appe⸗ tit raubte. Den ganzen Tag hatte ſie das Fieber gehabt, und ſie fühlte ſich zugleich gelähmt und aufgeregt.

Nachdem ſie ihre Ziegen gemolken und eingpfercht hatte, kehrte ſie in ihre Hütte zurück; doch verließ ſie dieſelbe bald wieder; ſie fühlte ſich nirgends wohl.

Die Hitze dieſer Julinacht drohte erdrückend zu wer⸗ den. Nicht ein Hauch! Die Grille ſchrie in den Spal⸗ ten der vertrockneten Erde. Durch einen ſeltſamen Wi⸗ derſpruch hatte Gretchen Durſt wie dieſer dürre Boden, und ſie hatte doch keine Luſt, zu trinken, ſie war ſchläf⸗ rig wie dieſe ſchwerfällige Atmoſphäre, und ſie hatte doch nicht Luſt, zu ſchlafen.

Man fühlte in allen Dingen eine Art von geheim⸗ nißvoller, verborgener Wolluſt ſchwimmen. Die Mondſtrah⸗ len küßten die Blumen. Das Girren und Schauern ent⸗ ſchlummerte verliebt in den Neſtern. Ein bitterer Duft ſtieg aus den Kräutern auf. Der laue Himmel breitete ſich im durchſichtigen Schatten aus.