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Die Nacht war kalt, die Bäume waren entblät⸗ tert und zitterten im Nachtwind wie Kranke im Deli⸗ rium, die ihr Bett verlaſſen haben, und deren abgema⸗ gerte Glieder das Fieber ſchüttelt.
Der Rauhreif peitſchte das Geſicht der nächtlichen Wanderer, und kaum durchdrang von Zeit zu Zeit in den Häuſern, welche ihre Maſſen mit dem düſteren vermengten, ein erleuchtetes Fenſter die Dun⸗ kelheit.
Dieſe kalte Luft that ihm indeſſen wohl. Seine Seele verzehrte ſich allmälig in dieſem raſchen Lauf, und, wenn man ſo ſagen darf, ſein moraliſches Brauſen und Toſen verflüchtigte ſich. In einem Zimmer wäre er erſtickt... dann würde er vielleicht, raſch vorwärts ſchreitend, Arſene treffen; wer weiß? vielleicht hatte ſie, als ſie ſich flüchtete, denſelben Weg eingeſchlagen, den er einſchlug, als er aus ihrem Hauſe wegging.
So ging er längs dem verödeten Boulevard und durch die Rue Royale hin, als ob, in Ermangelung ſeiner Augen, welche nicht ſchauten, ſeine Füße von ſelbſt den Ort, wo er war, erkannt hätten; er hob den Kopf empor und blieb ſtehen, da er wahrnahm, daß er gerade nach dem Revolutions⸗Platze zuwanderte, nach dieſem Platz, auf den er nie mehr zurückzukehren ge⸗ ſchworen hatte.
So finſter der Himmel war, eine noch finſterere Silhouette hob ſich vom pechſchwarzen Horizont ab; das war die Silhouette der häßlichen Maſchine, welche in Erwartung ihrer täglichen Arbeit ſchlief, während der Nachtwind ihre vom Blut befeuchtete Mündung trocknete.
Am Tage wollte Hoffmann dieſen Platz nicht wie⸗ derſehen; wegen des Blutes, das auf demſelben floß, wollte er nicht mehr hier ſein; aber bei Nacht war es nicht daſſelbe; es war für den Dichter, bei dem, trotz aller Umſtände, der poetiſche Inſtinct fortwährend wachte, intereſſant, es zu ſehen, zu berühren, im Schweigen


