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Ich hatte Cordellier Delanoue erkannt, der, wie ich, der Sohn eines alten Generals der Republik, wie ich Dichter. Warum iſt es ihm bei der Laufbahn, die wir mit einander gemacht, nicht beſſer geglückt, als mir? Ich weiß es nicht; er hat ſicherlich ſo viel Geiſt als ich, und er macht unſtreitig beſſere Verſe als ich.
Laune des Zufalls; Alles iſt Glück und Unglück auf dieſer Welt; erſt im Augenblick unſeres Todes wer⸗ den wir erfahren, wer von uns Beiden das Glück oder das Unglück gehabt hat.
Der Beſuch von Cordellier Delanoue war eine große Freude für mich. Wie alle Leute, die ich geliebt habe, liebte ich ihn damals, liebe ich ihn noch heute; nur liebe ich ihn mehr, und ich bin ſicher, daß es auf ſeiner Seite eben ſo iſt.
Er kam, um mich zu fragen, ob ich nach dem Athenée gehen wollte, um irgend eine Diſſertation über irgend einen Gegenſtand zu hören.
Der Diſſertator war Herr von Villenave.
Ich kannte Herrn von Villenave nur dem Namen nach; ich wußte, daß er eine ſehr geſchätzte Ueberſetzung von Ovid gemacht hatte, daß er einſt Secretär von Herrn von Malesherbes und Hofmeiſter der Kinder des Marquis von Chauvelin geweſen war.
Das Schauſpiel und die Zerſtreuung waren damals ſeltene Dinge für mich. Alle Theater und Salonthüren, die ſich ſeitdem für den Verfaſſer von Heinrich III. und Chriſtine geöffnet haben, waren noch für den mit dem Abendportefeuille des Herzogs von Orleans beauftragten Commis mit fünfzehnhundert Franken ge⸗ ſchloſſen. Ich nahm den Vorſchlag von Delanoue an, bat ihn jedoch, mit mir die Rückkehr des Courriers ab⸗ zuwarten.
Mittlerweile las er mir eine Ode vor, die er ge⸗ macht hatte. Das war eine Vorbereitung auf die Sitzung des Athenée.


