Teil eines Werkes 
3. Bd. (1857)
Entstehung
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blick ſtumm, unbeweglich, tiefathmend und voll Angſt da; endlich ſiegte das Mitleid über den Zorn.

Er näherte ſich Amelie, ſtreckte die Hand nach ihr aus und ſagte mit weichem Tone:

Meine Schweſter, ich vergebe Dir.

Ein leichtes Zittern bewegte den Körper der Ster⸗

benden.

Und jetzt, ſagte ſie,rufe unſere Mutter, in ihren Armen will ich ſterben.

Roland ging nach der Thüre und rief Frau von Montrevel.

Ihr Zimmer war offen, ſie wartete augenſchein⸗ lich und kam herbeigeeilt.

Was gibt es? fragte ſie lebhaft.

Nichts, antwortete Roland,als daß Amelie in Ihren Armen ſterben will.

Frau von Montrevel trat ein und ſank vor dem Bette ihrer Tochter auf die Kniee.

Dieſe aber, als ob ein unſichtbarer Arm die Bande gelöst, die ſie an ihr Sterbebett zu feſſeln ſchienen, erhob ſich langſam, nahm ihre Hände von ihrer Bruſt und ließ eine derſelben in die ihrer Mutter gleiten.

Meine Mutter, ſagte ſie,Sie haben mir das Leben gegeben, Sie haben es mir genommen, ſeien Sie geſegnet; es war das Mütterlichſte, was Sie für mich thun konnten, weil für Ihre Tochter kein Glück mehr auf dieſer Welt möglich war.

Als Roland dann auf der andern Seite des Bettes niederkniete, ſagte ſie indem ſie ihre zweite Hand in die ſeine gleiten ließ, wie ſie es bei ihrer Mutter gethan:

ſag ich lege