— 1015—
demſelben Tage in's Hoſpital und da ich meine Uniform trug, konnte es ihm nicht ſchwer fallen, die Aerzte zu überzeugen, daß ich bei einem Ausfall verwundet worden ſei. Da lag ich nun viele Tage und Nächte in Fieberphantaſieen, und als endlich mein Bewußtſein zurückkehrte, fiel mein erſter Blick auf das treue Antlitz einer barm⸗ herzigen Schweſter, die ſich über mich beugte, um mir Arznei einzu⸗ flößen.“
„Und mit dem Bewußtſein mußte doch auch die Erinnerung zu⸗ rückkehren“, ſagte Erneſt.„Weshalb ließeſt Du uns keine Nachricht zukommen?“
„Ich wagte nicht, nach Euch zu fragen. Hundert Male ſtand ich im Begriff, einen Boten hierher zu ſenden, aber ich fürchtete die Ge⸗ wißheit zu ſehr, eine Hiobspoſt würde mich getödtet haben. Und ich wollte leben, leben, um Rache nehmen zu können!“
„Rache!“ wiederholte Dorman.„So iſt es Recht, Rache für jeden Fußtritt, für jedes kränkende Wort!“
„Auf dem Schmerzenslager dachte ich über Alles nach, entwarf ich meine Rachepläne, ſchwor ich dem Marquis den Tod. Ich genas langſam, erſt als meine Kräfte zurückgekehrt waren, verließ ich das Hoſpital.“
„Und das war heute?“ fragte Erneſt.
„Ja. Was ich auf den Straßen ſah und hörte, ekelte mich an, es war noch immer der alte Wahnſinn, daſſelbe widerwärtige Treiben eines frivolen Volkes, welches ſelbſt durch die Schläge des Schickſals nicht nüchtern geworden war. Mein Herz zog mich hierhin, ich konnte dem Drängen nicht widerſtehen, wenn auch eine innere Stimme mir ſagte, daß ich hier Niemanden finden werde.“
„Wie troſtlos muß es in Deinem Innern ausgeſehen haben!“ ſagte Louiſon, ſich enger an den Geliebten ſchmiegend.
„Troſtlos über alle Maßen!“ entgegnete Paul.„Das Unglück und die Schande Frankreichs, der Haß gegen den, der mein Lebens⸗ glück zerſtört hatte, der Aerger über den Wahnſinn des Pariſer Pö⸗ bels, die Ungewißheit über Dein Schickſal, das Alles verbitterte mir das Leben, welches für mich werthlos geworden war. Nun aber bin ich doppelt glücklich, und der Himmel wird geben, daß mir nicht noch einmal das Glück entriſſen wird.“
„Das ſteht nun wohl nicht mehr zu befürchten“, ſagte Erneſt, „dem Waffenſtillſtand wird der Friede folgen, und wenn Ordnung
——õ———
——
—


