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auf allen Straßen nur von der Rache. Die Zeitungen predigen ſie und der Pöbel findet Gefallen an dieſen Hetzereien. Noch wüthet der Hunger in der Stadt, die Lebensmittel kommen ſpärlich an, und die Lieferanten fordern unerſchwingliche Preiſe, noch herrſcht allent⸗ halben das größte Elend und doch beſchäftigt man ſich nur mit der Rache. Man ſchimpft auf die Deutſchen, man entwirft ſchon jetzt Pläne, bezeichnet die Straßen, auf denen unſere Truppen im nächſten Jahre in Deutſchland einfallen ſollen, um das Land des Feindes zu verwüſten. Man ſollte an andere Dinge denken, die Regierung zwingen, ſich mit der Verpflegungsfrage zu beſchäftigen, Ordnung und Ruhe wieder herzuſtellen, der arbeitenden Klaſſe Arbeit zu verſchaffen und mit Deutſchland einen dauerhaften Frieden zu ſchließen. Statt deſſen beginnt die Jagd auf Spione und ehemalige Polizeiagenten wieder, man verfolgt die Deutſchen, die noch in Paris ſind und be⸗ reitet ſich auf den Einmarſch des Feindes vor, um ein entſetzliches Blutbad anzurichten. Wir ſind noch nicht am Ende angelangt, das Schickſal hat dieſes frivole Volk noch nicht hart genug geſtraft.“
„Und wer iſt Schuld daran?“ fragte Dorman mit einem ſtechen⸗ den Blick auf den jungen Mann.„Die beſitzende Klaſſe, die Bour⸗ geois, die ſich unter dem Kaiſerreich gemäſtet haben. Das Volk will das Sklavenjoch nicht länger tragen, es erhebt trotzig ſein Haupt und fordert ſeine Menſchentechte. Nein, wir ſind noch nicht zu Ende, ſo⸗ bald wir mit den Preußen Frieden geſchloſſen haben, beginnen wir den Kampf um die Republik, die nicht noch einmal verkauft werden ſoll.“
„Laſſen wir dafür die Nationalverſammlung ſorgen!“
„Bah, in dieſer Verſammlung werden mehr Orleaniſten und An⸗ hänger Napoleon's, als Republikaner ſitzen! Wir müſſen einen ent⸗ ſcheidenden Schlag führen, das Volk ſoll herrſchen.“
„Sie predigen den Bürgerkrieg!“ warf Louiſon beſtürzt ein.
„Er iſt unvermeidlich geworden“, erwiderte Dorman.„Die Bour⸗ geois wollen die Republik verrathen, das Volk muß auf ſeiner Hut ſein. Die Schreckensherrſchaft wird Frankreich von den Blutſaugern befreien, die ſich allzulange von unſerm Schweiß und Blut gemäſtet haben, ſie wird denen, die auf Frankreichs Krone ſpeculiren, zeigen, was ſie zu erwarten haben, wenn ſie ſo verwegen ſind, die Hand nach dieſer Krone auszuſtrecken.“
Erneſt blickte gedankenvoll vor ſich hin.
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