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dem er den Schieber wieder ſchloß,„wenn die Krankheit Sie nieder⸗ wirft, werden Sie es zu ſpät bereuen.“
„So würde ich glauben, ſie ſei ein Bote aus dem Jenſeits, der mich abrufen wolle, um mich mit dieſem Engel wieder zu vereinen“, erwiderte Erneſt leiſe.
Der Marquis nickte gedankenvoll.
„Das wäre philoſophiſch gedacht“, ſagte er.„Und wer weiß, ob es uns nicht beſſer wäre, wenn wir heute noch abgerufen würden! Ich empfinde keine Furcht und kein Grauen vor der Zukunft, aber ich verhehle mir auch nicht, daß Ereigniſſe eintreten können, die uns das Leben als eine ſchwere, drückende Bürde erſcheinen laſſen. Und doch, wer darf ſo frevelhaft ſein, ſie abzuwerfen? Kommen Sie, mein Freund, wir wollen in mein Kabinet zurückkehren und dort den Leichen⸗ wagen erwarten.“
Mechaniſch, wie ein willenloſes Kind, folgte Erneſt dem Edel⸗ menn, der im Kabinet angelangt, feinen Diemer rief und ihm befahl, eine Flaſche Burgunder zu bringen.
„So entrinnt Niemand ſeinem Schickſal“, ſagte der Marquis, nachdem er die Gläſer gefüllt hatte.„Waren wir nicht berechtigt, zu glauben, daß Marie hier geſchützt und gegen jedes Leid geſichert ſei? Und wie will man ſich ihre Erkrankung erklären, da ſie doch keine Gelegenheit hatte—“
„Ja, wie will man ſich das Alles erklären?“ fiel Erneſt ihm in's Wort, in deſſen Seele ein furchtbarer Verdacht aufgeſtiegen war, über den er nicht nachdenken wollte.„Weiß man denn auch mit Sicherheit, daß ſie am Typhus geſtorben iſt?“
Der Marquis blickte überraſcht auf, ein flammender Blitz zuckte aus ſeinen Augen, während ſeine Stirne ſich drohend in Falten zog.
„Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er.
„Nichts, was Sie kränken könnte. Verzeihen Sie mir meine Zweifel, ſie tauchten plötzlich auf.“
„Es ſind böſe Zweifel, die mich tief kränken müſſen“, erwiderte der Marquis.„Sie ſchließen ein Mißtrauen gegen mich in ſich ein, welches um ſo mehr verletzt, weil es jeder Begründung entbehrt.“
„Ich bitte Sie noch einmal um Verzeihung.“
„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, denn ich kann Ihnen nicht zürnen, ich muß dieſe Zweifel Ihrem Schmerz und Ihrer Aufregung zu gute halten. Aber ich bitte Sie, meinen Worten Glauben zu
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