Teil eines Werkes 
2. Band (1872)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

—ᷣ—————

— 426—

werden. Wollen Sie es glauben, mein Herr, daß wir beide nur auf Betreiben eines perſönlichen Feindes verhaftet worden ſind?“

„Wehe dem Schurken, wenn wir wieder frei ſind!“ knirſchte Erneſt, der jetzt ſelbſt ſeiner Aufregung nicht mehr gebieten konnte.

„Ob ich das glauben will?“ fragte der Einäugige lachend.„Ge⸗ wiß, unter dieſer Regierung iſt ja Alles möglich. Die Herren, die an der Spitze ſtehen, denken nur an ſich und ihre guten Freunde.

Der Eine will ſeinen Ehrgeiz, der Andere ſeine Habſucht befriedigen,

der Dritte will an reichbeſetzter Tafel ſchwelgen, der Vierte— ah, bah, es iſt eine Komödie, aber dieſe Komödie wird Frankreich ruiniren und ihm den ſchmachvollſten Frieden dictiren. He, glaubt man denn, die Preußen zurückwerfen zu können, nachdem ſie ſchon bis Paris vorgedrungen ſind? Man wird die Stadt behaupten, Tauſende nutzlos opfern und ſchließlich dennoch den dictirten Frieden unterzeichnen müſſen.“

„Darf ich fragen, mit wem wir die Ehre haben?“ wandte Erneſt ſich zu ihm.

„Mein Name iſt Pierre Dorman.“

„Und der Grund Ihrer Verhaftung?“

„Ja, wenn ich ihn ſelbſt wüßte!“ ſeufzte der Einäugige mit einer ſo niedergeſchlagenen Miene, daß die Freunde ſich eines Gefühls der Theilnahme nicht erwehren konnten.„Ah, auch ich bin das Opfer einer ſchändlichen Intrigue!“

„Aber Ihnen iſt es vielleicht im Grunde gleichgültig, ob Sie ſich hier oder anderwärts befinden“, ſagte Erneſt.„Sie ſtehen allein, haben keine Familie.“

„Nein, ich habe keine Familie“, unterbrach Dorman ihn dumpf. „Aber es gab eine Zeit, meine Herren, in der ein liebendes und ge⸗ liebtes Weib daheim am häuslichen Heerde ſchaltete und zwei liebliche Kinder mich liebkoſ'ten. Das war vor dem Jahre 1851, vor dem großen Verbrechen des zweiten Dezember. Der Mann, der durch einen Meineid und durch Mord ſich die Kaiſerkrone gewann, ließ durch ſeine Schergen auch mein Weib und meine Kinder niedermetzeln. Sie gingen an jenem Tage aus, um auf den Boulevards zu ſpa⸗ zieren, ich ſah ſie nicht wieder. Man ſagte mir, ſie ſeien in dem Gemetzel gefallen und jetzt nur noch eine ſormloſe, blutende Maſſe, ich war raſend vor Schmerz und Wuth; ich wollte mich in die blut⸗ triefenden Bayonnette der betrunkenen Beſtien ſtürzen, die der mein⸗

———.—· s