Teil eines Werkes 
2. Band (1872)
Entstehung
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„Und was geſchah dann?“ fragte Louiſon, während ſie der Auf⸗ forderung ihrer Freundin Folge leiſtete.

„Dann hielt ich Wache; ich hörte den Riegel aus der Thüre fallen und ſah den Schurken eintreten.“

„Es iſt derſelbe, dem mein Vater mich verkaufen wollte.“

„Ich dachte es mir. Er näherte ſich Deinem Bette, und ich ſah das verzehrende Feuer der niedrigſten Leidenſchaft in ſeinen Augen lodern. Da warf ich mich auf ihn, und Du ſiehſt, ich habe ihn gut getroffen!“.

„Entſetzlich!“ murmelte Louiſon, dann aber ſchlang ſie ihren Arm um den Nacken der Freundin und dankte ihr mit glühenden Worten für die Rettung aus dieſer Gefahr.

„Ich war ſie Dir ſchuldig“, ſagte Juſtine ruhig,„ich hatte gelobt, Dich zu beſchützen, mein Verſprechen mußte ich einlöſen. Aber ich bitte Dich, beeile Dich, Louiſon.“

„Wohin ſollen wir flüchten?“

„Du wirſt es ſehen.“

„Vielleicht könnte ich jetzt zu meinem Vater zurückkehren, nachdem dieſer Bube beſeitigt iſt—“

„In keinem Falle, der alte Geizhals würde Dich wieder ein⸗ ſperren und neue Pläne erſinnen, um Dich auf die Bahn zu führen, auf der er ſelbſt die reichſte Ernte zu halten gedenkt. Nein, wir bleiben beiſammen, auf meine Freundſchaft darfſt Du bauen; ſo lange ich bei Dir bin, ſoll der Böſe keine Macht über Dich gewinnen. Biſt Du fertig?“

„Ja.“

„Nimm Alles mit, was Dein eigen iſt.“

„Ich habe nichts weiter, als die Kleider, die ich auf dem Leibe trage.“

„Gut, dann komme.“

Juſtine hatte die Barrikade ſchon fortgeräumt, ſie öffnete die Thüre. Die beiden Weiber ſaßen am Tiſche und tranken Branntwein.

„He— wohin?“ krächzte die Wahrſagerin, als ſie die Mädchen eintreten ſah und in der Hand Juſtinens die Reiſetaſche bemerkte.

„Was kümmert es Euch?“ erwiderte Juſtine gelaſſen.„Wir haben keine Verpflichtung, Euch darüber Rechenſchaft zu geben.“

„Ihr werdet bleiben!“ ſchrie Madame Gourdin, vor Wuth zitternd. Ihr ſchuldet mir beide noch Geld für Koſt und Logis, ich laſſe Euch nicht hinaus, ſo lange Ihr nicht den letzten Sous gezahlt habt!“