Teil eines Werkes 
2. Band (1872)
Entstehung
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Wieder verſtrich eine Stunde, als leiſe angepocht wurde, Madame Gourdin öffnete, Herr von Segur und die Wahrſagerin traten ein. „Wo iſt Juſtine?“ war die erſte Frage der Madame Leroi.

„Sie ſchlafen Beide“, erwiderte ihre Genoſſin.„Ich hatte dar⸗ auf gerechnet, daß Juſtine die Nacht draußen zubringen werde, aber das Mädchen hat ſich vor einer Stunde wieder eingefunden.

„Sie ſchöpfte keinen Verdacht?“

„Nein. Im Uebrigen hat das Schlafpulver ſie unſchädlich gemacht, ſie wird uns nichts in den Weg legen. Louiſon ſchläft ſchon länger.“

„So wäre alſo Alles in Ordnung“, nahm Segur das Wort. „Wo finde ich das Mädchen?“

„In der Kammer nebenan.“

„Juſtine wird wohl nicht den Riegel vorgeſchoben haben“, warf die Wahrſagerin beſorgt ein.

„Glauben Sie denn, daran habe ich nicht gedacht?“ fragte Ma⸗ dame Gourdin ſpottend. Der Riegel iſt ſo loſe, daß ein ſchwacher Druck gegen die Thüre genügt, ihn zu beſeitigen.“

Sie hatte, während ſie das ſagte, eine Kerze angezündet, welche ſie dem Wüſtling überreichte, jetzt ſchritt ſie auf die Thüre zu und ſtemmte die ſpize Schulter gegen die Bretter.

Der Ricgel fiel klirrend zu Boden, horchend blieben die Drei ſtehen. Drinnen regte ſich nichts, man hörte nur die tiefen Athemzüge der ſchlafenden Mädchen.

„Nur vorwärts!“ ſagte Madame Leroi,„wir werden hier das Ende erwarten, ich hoffe, unſre Hülfe können Sie entbehren.“

Herr von Segur trat in das Zimmer, Madame Gourdin zog hinter ihm die Thüre zu.

Linen Augenblick blieb es ſtill, die Weiber vernahmen nichts, dann aber ertönte plötzlich ein lauter, gellender Schrei, und als die Me⸗ gären nun die Thüre aufſtießen, bot ſich ihnen ein entſetzlicher Anblick.

Mit aufgelöſtem Haar und flammenſprühenden Augen, in der erhohenen Hand einen blutgetränkten Dolch, ſtand Juſtine ihnen gegen⸗ über, vor ihr auf dem Fußboden lag der zuckende Körper des Wüſt⸗ lings, und das Todesröcheln bewies ihnen nur zu deutlich, daß der Stoß gut getroffen hatte.

„Das iſt Euer Werk“, ſagte das Mädchen mit bebender Stimme, nich wälze die ganze Blutſchuld auf Euch, ſeht zu, wie Ihr ſie vor Gott und Eurem Gewiſſen verantworten könnt.“