Jahrgang 
1
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Sie vermuthen doch nicht

Lieber Herr, ich vermuthe nichts mehr, ſeitdem ich Gewißheit

habe, unterbrach Heinrich ihn raſch, nich kann jetzt nur noch fürchten. Ich verlaſſe mich auf Ihre Verſchwiegenheit; der Ver⸗ ſtand des alten Mannes hat ſo ſehr gelitten, daß ich ernſtlich einen Ausbruch von Tobſucht befürchte.

Mein Gott!

Still, die Sache muß unter uns bleiben, ganz unter uns, verſtehen Sie?

Aber es iſt ja nicht möglich! ſagte der Buchhalter entſetzt.

Nicht möglich? bemerkte Heinrich achſelzuckend.Bedenken Sie den jähen, herben Verluſt, es hat Mancher über gering⸗ fügigere Dinge den Verſtand verloren. Bedenken Sie, was dem plötzlichen Tode ſeines Sohnes vorherging, die Vorwürfe, die der alte Mann ſich ſpäter darüber gemacht hat, daß der Wechſel nicht ſofort eingelöſt worden iſt

Aber er iſt ſo vernünftig, ſo ruhig

Natürlich, wenn Sie ihn für einen kurzen Augenblick ſehen, bemerken Sie die Geiſtesabweſenheit nicht, ſo weit iſt die Zer⸗ rüttung ſeines Verſtandes noch nicht gediehen, daß ein oberfläch⸗ licher Beobachter ſie ſofort entdecken müßte. Aber mir, der ich häufiger mit dem alten Manne verkehre, konnte dieſer traurige Zuſtand nicht verborgen bleiben.

Der Buchhalter machte eine Geberde, welche noch immer ſtarken Zweifel ausdrückte.

Geben Sie Acht, es wird nicht lange mehr währen, fuhr Heinrich ruhig fort, njedenfalls iſt es rathſam, bei Zeiten Vor⸗ kehrungen zu treffen. Haben Sie die Güte, den alten Herrn genau zu beobachten, aber nicht ſo, daß es ihm auffallen muß; ſobald Sie ein Symptom bemerken, welches Anlaß zu ernſten Be⸗ ſorgniſſen gibt, theilen Sie es mir ſofort mit, ich werde in dieſem Falle meine Reiſe abbrechen und unverzüglich zurückkehren.

Der alte Mann nickte.

Lange bleibe ich ohnehin nicht, das Geſchäft erlaubt mir nicht, eine weite Reiſe zu machen. Ich werde über Paris nach London reiſen und mich in beiden Städten nur einige Tage aufhalten, hauptſächlich, um dort Geſchäftsverbindungen anzuknüpfen.

Alſo mehr Geſchäftsreiſe? warf der Buchhalter ein.

Verſteht ſich, ſo lange man jung iſt, muß man die Zeit be⸗ nutzen, ſpäter findet ſich zum Vergnügen immer noch Zeit genug.

So werden Sie binnen vierzehn Tagen wohl zurück ſein?

Hoffentlich, ich ſchreibe Ihnen darüber noch näher. Alſo Sie halten ein ſcharfes Auge auf den alten Herrn gerichtet?

Wenn Sie es wünſchen.