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vetrauen,“ ſagte Otto mit gedämpfter Stimme.„Zumal dann, wenn Beide, der Patient und ſeine Pflegerin, jung ſind.“
Von der Stirne Michelets war die düſtere Wolke geſchwunden, ein bedeutſames Lächeln umſpielte ſeine Lippen.
„Ich verſtehe Sie,“ erwiderte er.„Ich begreife auch, daß dieſer Grund Ihnen triftig genug ſcheint, uns zu verlaſſen und ich ehre Ihre Geſinnungen, die bei dieſer Gelegenheit ein glän⸗ zendes Licht auf Ihren Charakter werfen. Unterbrechen Sie mich nicht. Es mag ſein, daß in Ihrem Vaterlande die reichen Leute bei der Verlobung Ihrer Kinder zuerſt auf Rang und Reichthum ſehen und Charakter und Gemüth erſt in zweiter Reihe berückſich⸗ tigen. Ich denke anders. Was iſt Reichthum? Ein todter Götze, den die Fauſt des Schickſals über Nacht zertrümmern kann. Was iſt Rang? Eine glänzende Maske, hinter der ja oft Schutt und Moder ſich bergen. Ich achte das Talent und den redlichen Willen des ſtrebſamen Mannes höher, mir gilt ein feſter Charakter und ein unverdorbenes Gemüth mehr als hoher Rang und Reich⸗ thum.— Nun wiſſen Sie, woran Sie ſind, und ich hoffe, Sie werden einſehen, daß einſtweilen noch kein Grund vorliegt, der Sie nöthigen könnte, uns zu verlaſſen.“
„Tauſend Dank für dieſen Edelmuth, für dieſen mich ſo ſehr ehrenden Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Anerkennung,“ ſagte Otto, der dieſe Antwort nicht erwartet hatte.„Und doch möchte ich wünſchen, Sie hätten dieſe Worte mir nicht geſagt, ſie machen mir das Scheiden nur noch ſchwerer.“
„Sie reden noch immer vom Scheiden?“
„Glauben Sie, daß ich es thun würde, wenn ich nicht müßte? Meine Ehre gebietet mir es, Herr Michelet, Sie werden mir Recht geben, wenn Sie meine Gründe hören. Ich bemerkte das Erwachen der Liebe in der Seele meiner ſchönen Pflegerin nicht, erſt als mein Freund mich darauf aufmerkſam machte und ich, um mir Gewißheit zu verſchaffen, mit ihr über meine Abreiſe redete, gewann ich die Ueberzeugung, daß dieſe Liebe ſchon tief ihre Wurzeln geſchlagen hatte.“
Michelet nickte.„Ich weiß es,“ ſagte er ruhig,„ich ſelbſt habe es bemerkt.“
„Nun wohl, in Deutſchland harrt meiner eine Braut, die ihr ganzes Vertrauen auf mich geſetzt hat, deren ganzes Lebensglück davon abhängt, daß ich mein Ziel erreiche, um ſie heimführen zu können. Darf ich dieſes Vertrauen täuſchen? Darf ich üher ein gebrochenes Herz mit ruhigem Gewiſſen vor den Traualtar treten? Gott weiß, wie tief es mich ſchmerzt, meiner Pflegerin mit Undank lohnen zu müſſen, aber ſie ſelbſt könnte mich ja nicht mehr achten, wenn ich materieller Vortheile wegen ein vertrauendes,


