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Eine Wolke des Unmuths glitt über das feine Geſicht der jungen Dame.
„Und wenn ich nun wünſche, daß Sie bleiben?“ fragte ſie.
„Ah— dann erſchweren Sie mir den Abſchied, mein Fräu⸗ lein,“ erwiderte Otto beſtürzt.„Ihr Wunſch müßte mir Befehl ſein, denn Ihnen danke ich ja mein Leben, aber ich hege die Ueberzeugung, Sie werden dieſen Wunſch nicht ausſprechen.“
„So hat Ihr Freund alſo den Vorzug,“ ſagte das Mädchen leiſe.„Sie retteten mir das Leben, alſo ſind Sie mir keinen Dank ſchuldig dafür, daß ich in den Tagen Ihrer Lebensgefahr über Sie wachte.“
„Sagen Sie das nicht, mein Fräulein, ich werde nie vergeſſen, wie viel Dank ich Ihnen ſchulde! Glauben Sie mir, der Abſchied von Ihnen und Ihrem Herrn Vater geht mir nahe, aber beden⸗ ken Sie daneben auch, daß eine Braut ſehnſüchtig meine Heimkehr erwartet, eine Braut, der ich gelobt habe—“
„Das ſteht im Widerſpruch mit Ihren früheren Mittheilun⸗ gen,“ fiel Valerie ihm in's Wort, die ſich raſch erhoben hatte. „Sie haben mir geſagt, daß Sie Fräulein Eugenie liebten, aber erſt dann um ſie werben wollen, wenn ſie ihr eine geſicherte Zu⸗ kunft bieten könnten. Alſo feſſelt Sie nichts, als Ihr eigenes Gefühl an dieſe Dame. Sie ſind undankbar, Otto, aber ich hoffe, Sie werden nach ruhigem Nachdenken Ihren Entſchluß wieder fallen laſſen. Keinesfalls dürfen Sie vor der völligen Geneſung die Reiſe antreten.“
Ehe Otto Zeit fand, hierauf etwas zu erwidern, war die jnnge Dame verſchwunden.
Es war eine ſchwere Probe, und wenn auch der Entſchluß Otto's felſenfeſt ſtand, wenn er auch nicht ſchwankte in der Wahl, die er treffen ſollte, ſo verkannte er doch nicht, daß er der Ge⸗ liebten ein großes Opfer brachte, ein Opfer, welches ihr die In⸗ nigkeit ſeiner Liebe und die Feſtigkeit ſeines Charakters beweiſen mußte.
Er ſah voraus, daß es noch einen harten Kampf koſten werde, bevor er ſeinen Entſchluß ausführen konnte, aber er hoffte, in dieſem Kampfe würde Michelet ihm zur Seite ſtehen.
Der reiche, angeſehene Fabrikant konnte ja in die Verbindung ſeines einzigen Kindes mit einem armen Arbeiter nicht einwilligen, er mußte die Gründe ehren, die Otto bewogen, das Etabliſſement zu verlaſſen, und wenn dies geſchehen war, ſo mußte auch Valerie im Laufe der Zeit einſehen, daß Otto durch ſeinen Abſchied ſie vor einer Thorheit bewahrthatte.
So dachte der junge Mann; er konnte nicht glauben, daß die Liebe Valerie's zu ihm mehr als ein romanhafter Rauſch war, der bei ernſtem Nachdenken raſch wieder verfliegen mußte.


