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„Komm mit.— Es gibt ein Geſicht, das Du nur zweimal in Deinem Leben ſehen ſollſt— heute——“
Hilda ſchwieg und man ſah, wie die rauhe, faſt koloſſale Schön⸗ heit ihres Geſichtes ſich ſänftigte.
„Und wann abermals, meine Großmutter?“
„Kind, lege Deine warme Hand in die meine. So! das Geſicht verdunkelt ſich vor den Blicken: wann abermals— fragſt Du, Editha? Ach, ich weiß es nicht.“
So ſprechend ging Hilda langſam an dem Römerbrunnen und dem Heidentempel vorüber und ſtieg den kleinen Hügel hinan; dort auf der entgegengeſetzten Seite des Gipfels, den druidiſchen Cromlech und den teutoniſchen Altar hinter ſich, ſetzte ſie ſich bedächtlich auf den Raſen nieder.
Einige Maasliebchen, Primeln und Schlüſſelblumen wuchſen in der Nähe; dieſe begann Editha zu pflücken, indem ſie beim Kranz⸗ winden ein einfaches Lied ſang, das eben ſowohl durch ſeinen Dialekt wie durch das in ihm waltende Gefühl ſeinen Urſprung in den Balla⸗ den der Norſa“ verrieth, deren Charakter ſich durch ſorgloſere Faſ⸗ ſung von der künſtlicheren Poeſie der Sachſen weſentlich unterſchied. Das Lied läßt ſich ziemlich unvollkommen alſo wiedergeben:
„Luſtig dort die Droſſel ſingt In dem luſt'gen Mai; Droſſel ſingt zu meinem Ohr:
Herz iſt nicht dabei. Luſtig mit dem Blüthenzweig Lächelt froh der Baum;
„ Unſere Literaturhiſtoriker haben dem großen Einfluſſe nicht Rechnung getragen, welchen die Poeſie der Dänen auf unſere frühere Muſe äußerte. Ich zweifle keinen Augenblick, daß ſich die Minſtrellieder unſeres Nordens und des ſchottiſchen Tieflands auf dieſe Quelle zurückführen laſſen, während ſo⸗ gar in den mittleren Grafſchaften Canuls Beiſpiel und Bemühungen nicht ohne beſonderen Werth auf den Geſchmack und Geiſt unſerer Barden bleiben konnte. Jener große Fürſt ermunterte aufs Freigebigſte die ſkandinaviſche Poeſie und Olaus nennt acht däniſche Dichter, die an ſeinem Hofe lebten.


