18
Wäldern kamen, während die Mädchen die Schürze voll Blumen nach⸗ trugen, die ſie auf den Wieſen im Schlafe überraſcht hatten. Auch die Stangen prangten von Blumenſträußen, und jedem Ochſen wurde ein Kranz um die Hörner gehängt. Dann ſtrömten die Prozeſſionen gegen Anbruch des Tags durch alle Thore in die Stadt zurück; voraus zogen Knaben mit ihren Maigaden(geſchälten Weidengerten mit Schlüſſelblumen umwunden) und durch die belebenden Klänge der Hörner und Flöten ſchallte laut aus dem wandelnden Haine ein mun⸗ terer Chor, der einige alte ſächſiſche Verſe— Vorläufer des ſpäteren Liedes:„Wir haben den Sommer heimgebracht!“— anſtimmte.
Oft waren Könige und Aeltermänner in den guten alten Tagen, bevor der Mönch⸗König regierte, auf dieſe Weiſe in die Maien ge⸗ gangen; allein jener gute Prinz konnte ſolche Luſtbarkeiten, die nach dem Heidenthume ſchmeckten, nicht leiden. Dennoch war der Geſang eben ſo lang und die Zweige waren eben ſo grün, als ob König und Earl im Zuge mitgewandelt wäͤren.
Die ſchönſten Matten für die Schlüſſelblumen, die grünſten Wäl⸗ der zu den Zweigen umringten damals an der großen Kenterſtraße ein ſtattlches Gebäude, das einſt einem üppigen Römer angehört hatte, jetzt aber entſtellt und verfallen war. Burſche und Mädchen ſcheuten jedoch ſolche Orte, und als ſie mitten in ihrer Luſtbarkeit auf dem Heimwege an den zertrümmerten Mauern, den angeniſteten Außen⸗ gebäuden vorüberkamen und in deren Nähe die grauen Druidenſteine (jene Denkmale eines Zeitalters, das den ſächſiſchen wie den römiſchen Eroberern lange vorhergegangen) in der Dämmerung durchſchimmern ſahen, hatte der Geſang ein Ende, die Jüngſten bekreuzten ſich und die Aelteren meinten in feierlichem Flüſtern, es wäre wohl vorſichtiger, ihren fröhlichen Geſang in einen frommen Pſalm zu verwandeln. In jenem alten Gebäude wohnte nämlich Hilda— finſteren berüchtigten Andenkens— Hilda, welche, wie man glaubte, allem Geſetz und Canon
zum Trotz noch immer die verderblichen Künſte der Wieca und Morth⸗
wyrtha(der Hexe und Todtenverehrerin) praktiziren ſollte. Sobald


