108. als daß ihr Geſchick einige Wirkung von Bedeu⸗ tung auf uns machen koͤnnte, doch das iſt vielleicht anders, wenn wir die wirkliche Auffuͤhrung ſehn. Aber hier komme ich eben zur Hauptſache. Wo ſoll es aufgefuͤhrt werden? auf dem Theater? Dafuͤr iſt das Gedicht zu ſehr religioͤs. Auf die Buͤhne, wie ſie jetzt iſt, gehoͤrt einmal das Hei⸗ lige nicht. Es iſt ſchlimm, daß es ſo iſt, aber es iſt nun einmal ſo.— In der Kirche? Dafuͤr iſt es zu theatraliſch. Oder im Concertſaal? Da⸗ hin paßt es am wenigſten; es iſt dafuͤr zu reli⸗ giös und zu theatraliſch zugleich. Haͤtten wir doch die alten Myſterien, Autos Sacramentales und wie dieſe geiſtlichen Comoͤdien noch ſonſt heißen, ſo würde ſogleich allem Uebel abgeholfen werden. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß ſie wieder hergeſtellt wuͤrden; nicht im Sinn der religioͤſen Erbauung, dieſe wuͤrde nicht viel dabei gewinnen, ſondern um das Chriſtenthum allmaͤhlig wieder in das Aeſthetiſche, in die Kunſt hinuͤber zu leiten, das Chriſtenthum dadurch dem Menſchenbeduͤrfniß naͤ⸗ her zu bringen; die Kunſt aber, die ſo lange ent⸗ weihte, dadurch zu heiligen. Es giebt keine Kunſt, die nicht heilig waͤre; und die Frage: Ob die Poeſie moraliſch ſeyn muͤſſe, beruht auf den ſchreck⸗ lichſten Mißverſtaͤndniſſen, die unſre Zeit haben treffen koͤnnen. Ich frage nicht nach des Kuͤnſt⸗ lers Leben; aber ſein Kunſtwerk muß rein ſeyn,
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