Teil eines Werkes 
2. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

.

4

ihre klagende Melodie hinein in dieſe Jubelhymne. Die Sonne war tiefer hinabgeſunken und ſäumte den Hori⸗ zont mit fliegenden Purpurwolken. Natalie hielt plötz⸗ lich inne in ihrem Liede und deutete mit ihren roſigen Fingern auf den Himmel hin.

Wie ſchön iſt das, Paulo! ſagte ſie leiſe.

Er aber ſah nichts, als ihr Angeſicht, das von den Abendgluthen verklärt ward.

Wie ſchön biſt Du, flüſterte er kiſe⸗ und drückte ihr Haupt an ſeine Bruſt. 8

Dann ſchwiegen Beide, und ſchauten, in ſüße Träume verloren, auf die herrliche Landſchaſt, die ſie umgab, und die wie in einem Schweigen der Andacht den letz⸗ ten Scheidegrüßen der Sonnengöttin zu lauſchen ſchien.* Plötzlich flatterte ein Singvogel herbei, und ſetzte ſich in das Myrthengebüſch, unter welchem Natalie mit ihrem Freunde ruhte. Da begann er zu flöten und zu ſingen, bald in klagenden, bald in Jubeltönen, bald zärtlich weich, bald fröhlich ſchmetternd, und der Nacht⸗ wind, der ſich jetzt erhob, rauſchte in den Cypreſſen⸗ und Olivenbäumen, daß ſie mit Orgeltönen darein brauſ'ten.

Natalie ſchmiegte ſich dichter an ihres Freundes Seite. Ich möchte jetzt ſterben, ſagte ſie..

Schon ſterben, flüſterte er, ſterben, noch ehe Du ge⸗ lebt haſt, Natalie? Dann ſchwiegen ſie wieder, und der Wind rauſchte