Teil eines Werkes 
2. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1

Wenn dieſe Frau zu ihr gekommen war in das ein⸗ ſame Haus, in welchem ſie damals wohnte, dann war ihr Alles wie in einer Verklärung, wie in einem ſeligen Wonnerauſch erſchienen, dann hatten ſogar ihre alten, mürriſchen Diener zu lächeln gewußt und waren freund⸗

lich geweſen und demuthsvoll; dann war Alles Freude

geweſen und Glück, und wer ſie geſehen, die ſchöne, ſtrahlende Frau, der hatte ſich beſeligt geglaubt, und war vor ihr niedergefallen, um ſie anzubeten.

An dieſe Frau dachte das junge Mädchen jetzt, an dieſe unvergeßliche Frau mit den leuchtenden Augen, deren zärtliche Blicke das Herz des Kindes immer mit Wonne durchglühten, deren ſanfte, liebliche Worte noch heute wie Muſik vor ihrem Ohre erklangen!

Wo war ſie jetzt, die Frau ihrer Sehnſucht, ihrer Liebe, weshalb hatte man ſie fortgeführt aus dem Hauſe mit dem ſchneeigen Leichentuche und den Eisblumen der Fenſter?

Wo lag dieſes Haus, und wo hatte ſie es zu ſuchen mit ihren Gedanken? Was war das für eine Sprache geweſen, welche ſie damals geſprochen und die ſie jetzt noch heimlich in ihrem Herzen ſprach, obwohl Niemand mit ihr ſie redete, Niemand ihrer Umgebung, ihrer Dienerſchaft ſie verſtand?

Und weshalb hatte auch ihr Freund und Beſchützer, er, der ſie hieher gebracht, der immer mit ihr geweſen,

weshalb hatte auch er plötzlich ſich das Anſehen gegeben

als verſtände er ſie nicht mehr?