Teil eines Werkes 
8. Theil, Rebekka : 1. Band (1860)
Entstehung
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tönte; ſie erklang wunderbar durch die Stille und erſchütterte Rebelka in ihrem tiefſten Weſen. Es war ihr, als empfände ſie ein Winken und Ziehen den Klängen und Tönen nach, und kaum wiſſend, was ſie that, ſtand ſie auf, und ging mit gefaltenen Händen und geſenktem Haupte, immer lauſchend, den Tönen nach.

Sie wurden deutlicher und lauter, je weiter ſie ging, und ihre Seele zerſchmolz immer mehr in Wehmuth und Sehnſucht.

Jetzt ſtand ſie an der Ausgangspforte des Gartens, und durch das Gitter ſchaute ſie hinüber zu der kleinen Kirche, aus welcher der Geſang er⸗ tönte, und die, abgelegen von der Straße, faſt nur von Armen und Bettlern beſucht ward. Re⸗ bekka war nie in einer chriſtlichen Kirche geweſen, mit einer ihr ſelbſt unerklärlichen Scheu hatte es immer vermieden, ſo oft auch ihre Tante ſie dazu aufforderte.

Jetzt aber, an dem Gitter lehnend, blickte ſie mit einem unnennbaren Sehnen hinüber, beneidete ſie das alte Mütterlein, das auf ihren Stab geſtützt durch die gesffnete Thür eintrat in das Gotteshaus, wünſchte ſie ſich an die Stelle des lahmen, ſiechen Greiſes, der mühſam hinein ſchwankte.*

O könnte ich hinüber, hinüber! ſeufzte ſie, und richtete mit flehendem Ausdruck ihren Blick aufwärts, und faltete in ſtillem Gebete die Hände.