Teil eines Werkes 
8. Theil, Rebekka : 1. Band (1860)
Entstehung
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wahrte ſie nicht, die Vöglein, die in den Aeſten zwitſcherten, hörte ſie nicht; ganz in ſich ſelbſt verſenkt ſah ſie die Träume und Geſichte der Vergangenheit, hörte ſie die verzweiflungsvollen Klagelaute ihrer eignen Bruſt.

Es iſt entſetzlich, ſagte ſie mit vor Schmerz gepreßter Stimme,entſetzlich zu leben ohne Luſt, und zu leiden ohne Troſt!

Als ſie ſo ſprach, überkam ſie ein tiefes Ban⸗ gen, ein Grauſen vor dem eigenen Laut ihrer Stimme, ſie zitterte, eine glühende Röthe bedeckte ihre Wangen, und wie bebende Seufzer rang ſich der Athem aus ihrer gepreßten Bruſt hervor; mit irrem Blick flogen ihre Augen umher, dann füll⸗ ten ſie ſich mit Thränen, und mit beiden Händen ihr Geſicht verhüllend brach ſie in ein lautes krampfhaftes Schluchzen aus.

Aber wie die Thränen ihren Augen entſtröm ten, ward ihre Qual allgemach milder und weicher, die Härte derſelben zerſchmolz in eine ſanfte Weh⸗ muth, ſie konnte zur Klage über ſich ſelber kon⸗ men, und ergab ſich mehr und mehr ihrem Schmerz und ihrer Pein.

Da drangen Töne, leiſe, feierliche Töne an ihr Ohr, Rebekka blickte auf, langſam glitten die Hände von ihrem Geſichte herab, und ſie lauſchte.

Es war die Melodie eines frommen Kirchen⸗ liedes, die von der nahen kleinen Kirche herüber⸗