Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 3. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

550

Kaiſerin Marie Louiſe beurlauben müſſen. Die Kaiſerin hatte ſie mit kalter Ruhe empfangen, ohne auch nur mit einem Wort der Begeben⸗ heiten jener ſchreckensvollen Nacht zu gedenken. Marie Louiſe war unbemerkt, noch bevor der Tag graute, wieder nach Schönbrunn zurück⸗ gekehrt, und von Graf Neipperg geleitet, war ſie durch die geheime von Niemand gekannte Thür in ihre Gemächer gelangt. Sie ſchien auch von Niemanden vermißt zu ſein, denn Niemand war erſtaunt, die Kaiſerin am Morgen in ihrem Toilettenzimmer auf dem Divan ruhend zu finden, und als Marie Louiſe ihren Kammerfrauen erzählte, daß ſie ſich vor dem Feuer in dies Zimmer gerettet, um vor Störungen ge⸗ ſichert zu ſein, die Thür deſſelben verſchloſſen und dann die ganze Nacht hindurch auf dem Divan ruhig geſchlafen habe, ſchienen ſie da⸗ von durchaus nicht überraſcht, ſondern äußerten nur ihre glühende Freude, daß ihre Herrin nicht auf lange in ihrer Nachtruhe geſtört worden.

Auch von der Flucht des Prinzen Napoleon, den jetzt Niemand mehr König von Rom zu nennen wagte, verbreiteten ſich nur einige dunkle unbeſtimmte Gerüchte, aber Niemand wußte mit Beſtimmtheit etwas darüber zu ſagen. Nur das wußte man, daß der Prinz jetzt für immer in Wien in der Kaiſerburg wohne, daß er eine deutſche Gouvernante habe, und daß die Gräfin Montesquiou trotz ihres inni⸗ gen Flehens nicht die Erlaubniß erhalten habe, vor ihrer Abreiſe den Prinzen noch einmal zu ſehen und ihm Lebewohl zu ſagen.

Auch die anderen Franzoſen aus dem Hofſtaat Marie Louiſens, wie geſagt, mußten Wien verlaſſen, ſelbſt der Privat⸗Secretair der Kaiſerin, der Baron von Meneval, war von dieſer ſtrengen Maßregel nicht ausgeſchloſſen. Aber ihm hatte man die Gunſt gewährt, die man der Gräfin Montesquiou verſagt hatte, ihm ſollte es verſtattet werden, von dem Herzog von Reichſtadt Abſchied zu nehmen.

Am Tage ſeiner Abreiſe, am ſechsundzwanzigſten Mai ſollte Ba⸗ ron von Meneval alſo in der Kaiſerburg den jungen Prinzen zum letzten Mal ſehen, und dort auch, in den Gemächern ihres Sohnes, wollte Marie Louiſe ihrem frühern Geheimſecretair ihr letztes Lebewohl ſagen.

.